Radevormwald: Mittagstisch letztes Mal im Wartburghaus

Radevormwald: Mittagstisch letztes Mal im Wartburghaus

Die Bandbreite der Gefühle war vielschichtig. Gestern gab's zum letzten Mal ein Essen und Lebensmitteltaschen. Die gibt es ab 5. Mai im Bürgerhaus, das Essen fällt im Mai aus. Im Juni soll es dann im ehemaligen "Comeback" weitergehen.

Die Stimmung ist gedrückt. Frust, Trauer, Enttäuschung - die Bandbreite der Gefühle ist vielschichtig. Eigentlich läuft der Betrieb beim Ökumenischen Mittagstisch wie immer, doch eigentlich ist alles ganz anders. Denn während in der Küche die fleißigen Helfer Kartoffelsuppe und Vanillepudding vorbereiten und im Saal emsige Helferinnen die Taschen für die Lebensmittelausgabe vorbereiten, werden im Keller Kartons gepackt. Der Mittagstisch muss ausziehen.

"Das ist schon sehr stressig", sagt Bernd Hermann, der den Mittagstisch mit organisiert. Beim Frühstück des Teams sei intensiv über die nächsten Wochen diskutiert worden. Wie soll es weitergehen? ' Am Freitag, 30. April, fällt die Ausgabe der Lebensmittel aus. ' Am Dienstag, 2. Mai, fallen Essen und Lebensmittelausgabe aus. ' Ab Freitag, 5. Mai, 9.30 bis 11 Uhr, erfolgt die Ausgabe der Lebensmittel im Mehrzweckraum des Bürgerhauses am Schlossmacherplatz. ' Im Mai fällt das Essen komplett aus, dafür sollen jeden Dienstag, 10.30 bis 12 Uhr, und jeden Freitag, 9.30 bis 11 Uhr, die Taschen im Bürgerhaus ausgegeben werden. ' Ab Juni soll der Mittagstisch in den neuen Räumen im ehemaligen "Comeback" am Schlossmacherplatz sein neues Domizil finden und dort sowohl dienstags das Essen als auch dienstags und freitags die Lebensmittel ausgeben. ' Das Angebot der Martini-Gemeinde, den Mittagstisch vorübergehend aufzunehmen, wird zunächst nicht in Anspruch genommen, soll aber wieder thematisiert werden, falls der Umbau im "Comeback" länger als geplant dauert.

Im November 1999 überreichten Wolfgang Eicker (l.) und Ralf Höller von der Feuerwehr Borbeck eine Spende an Anne Renzmann und Johanna Unkrig (2.v.r.). Foto: dörner (archiv)

"Wir haben festgestellt, dass die Ausgabe der Lebensmittel noch wichtiger ist, als das Essen", sagt Hermann. Deshalb müsse es dieses Angebot für sozialschwache und bedürftige Menschen so schnell wie möglich wieder geben. "Diese Leute leben am Rande des Geldes und können sich mit dem durch die Lebensmitteltaschen gesparten Geld mal einen Kaffee oder ein Eis gönnen. Das ist wichtig, um am Leben teilzunehmen", sagt Hermann.

Seinen Dank richtet er an die Stadt, die zur Unterstützung für den Umzug Mitarbeiter des Bauhofs schickte. "Auch der Lutherischen Kirchengemeinde haben wir die Hand gereicht und für 20 Jahre gedankt", sagt Hermann. Man werde im Guten auseinandergehen. Die tiefe Traurigkeit im Team bleibe. Als die Hütte am Samstag abtransportiert wurde, flossen Tränen. "Ich musste schlucken", sagt Hermann. Johanna Unkrig, die den Mittagstisch vor 20 Jahren ins Leben gerufen hat, kam gestern vorbei. "Sie war auch traurig, ist aber froh, dass ihr Werk fortgesetzt wird", sagt er.

Foto: jürgen moll
  • Kommentar : Die Chance für einen Neuanfang

Karin Schmidt, die noch vor der Jahrtausendwende die Stiftung für den Mittagstisch ins Leben rief, verspürte Abschiedsschmerz und kam, wie sie sagte, zur "Henkersmahlzeit" ins Wartburghaus, in dem jeden Dienstag mehr als 100 Essen ausgegeben werden. "Wir müssen uns der Situation anpassen", sagt sie pragmatisch und spricht von einem "richtigen Neuanfang". Den Platz im ehemaligen "Comeback" bezeichnet sie als ausreichend. Man werde zusammenrücken, um 70 Essen gleichzeitig auszugeben. "Wir freuen uns auf die Räume und glauben an einen reibungslosen Ablauf", sagt Hermann. Ihm gehe es um die Bedürftigen - meist Rentner, Arbeitslose und Flüchtlinge. Auch die Kleiderkammer sei im Umbruch, die Kleidung werde im Bürgerhaus zwischengelagert. Auch den Trödelmarkt soll es künftig weiter zweimal im Jahr geben - "diese Basare sind eine wichtige Einnahmequelle für uns", sagt Hermann.

Anneliese Zimmermann hilft seit vier Jahren "und könnte sich einen heulen", wie sie sagt. "Das hier war mein Ding." Sie bleibe dem Team natürlich auch am neuen Standort treu, aber die Stimmung sei zwiegespalten. Das sei für alle keine schöne Situation. "Aber wir packen das", gibt sie sich kämpferisch.

Die Stimmung bei den Besuchern ist von Unsicherheit, Angst und Traurigkeit geprägt. "Das Miteinander ist über die Jahre gewachsen, da sind Freundschaften entstanden", sagt Hermann. Die sollen auch nach dem Umzug erhalten bleiben.

(RP)