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"Tatort" aus Franken: So war der Fall "Wo ist Mike?"

So war der „Tatort“ aus Franken : Eine viel zu kurze Liebe

Im neunten „Tatort“ aus Franken wurde es emotional – für beide Ermittler. Während sich Paula Ringelhahn verliebte, wurde Felix Voss mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Ein überaus gelungener Krimi, meint unsere Autorin.

Worum ging’s? Der fünfjährige Mike aus Bamberg verschwindet – und es fällt den getrennt lebenden Eltern erst drei Tage später auf. Beide wähnten das Kind übers Wochenende beim jeweils anderen und beschuldigen sich anschließend gegenseitig. Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) stoßen bei ihren Ermittlungen aber auch auf den 17-jährigen Titus (Simon Frühwirth), der sich verfolgt fühlt und eine imaginäre Freundin hat (was im Übrigen clever gemacht ist und sicher nicht jedem sofort auffällt). Und auf Rolf Glawogger (wie immer toll: Sylvester Groth), einen zurzeit wegen – letztlich haltlosen – Missbrauchsvorwürfen suspendierten Lehrer, der am Rande des Waldes wohnt, in dem Mike gerne spielt.

Tragisch: Mit diesem Glawogger verbrachte Ringelhahn das Wochenende, ihre viel zu kurze Liebe wird in zarten Bildern inszeniert – ein schöner Kontrast zu dem ansonsten teils bleischwer und düster in Szene gesetzten Film. Und dann findet Ringelhahn den toten Mike auch noch in einem Schrank im Keller des Lehrers, und die Liebelei ist vorbei, bevor sie richtig angefangen hat. Und anders als in anderen „Tatort“-Filmen darf Ringelhahn trauern, zusammenbrechen, Emotionen zeigen. 

Tieftraurig ist auch die Auflösung von „Wo ist Mike?“: Titus entdeckte den kleinen Jungen im Wald, der sich dort vor den Streitigkeiten seiner Eltern versteckte, und brachte ihn an einen sicheren Ort – in den Keller seines ehemaligen Lehrers, der ihm trotz seiner Psychosen anders als so viele andere stets mit Verständnis und Empathie begegnet war. Dort versteckte sich Mike im Schrank, wie er es von zu Hause kannte, wenn der Vater die Mutter schlug, und starb letztlich ohne Fremdeinwirkung, er hatte einen angeborenen Herzfehler.

Ein Fall mit vielen Wendungen, ziemlich vertrackt und ziemlich gut.

Das war gut Drehbuchautor Thomas Wendrich und Regisseur Andreas Kleinert spielen in ihrem Film mit verschiedenen Wahrheitsebenen – so werden Dinge, die sich Ermittler Voss ausmalt, einfach dargestellt. Titus’ Freundin Coco existiert nur in seinem Kopf, und Voss erkundet mit einer Virtual Reality-Brille die Welt von Gewalttätern. Trotz der vielen Drehungen verliert der Zuschauer nie den Überblick, das private Drama von Ermittlerin Ringelhahn wird schlau in den Fall integriert und überlagert diesen nicht. Und nicht zuletzt sind auch die Bilder von Michael Hammon eine Wucht: mal noir, mal grell-weiß und immer auf den Punkt.

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  • bernd.bussang@rheinische-post.de
⇥RP-Foto: Jürgen Moll
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Außerdem wirklich gelungen: die Menschlichkeit der beiden Ermittler. Nicht nur, dass Ringelhahn ihre Verletzung weder überspielt noch zurückhält, auch Voss geht der Fall nahe. Der junge Titus weckt Erinnerungen an seine eigene Jugend und starke Gefühle. Am Ende besucht er Titus sogar in der Klinik und lernt Coco „kennen“ – und spielt mit. Rührend und eine ganz neue Seite bei beiden Ermittlern. Steht ihnen. 

Der Satz des Films „Manchmal reicht es nicht, die Wahrheit zu sagen. Sie muss auch stimmen“, sagt Glawogger, als Ringelhahn ihm von der Lösung des Falls erzählt. Das sind streng genommen zwei Sätze, schon klar, aber sie fassen diesen verschachtelten, cleveren und tieftraurigen „Tatort“ perfekt zusammen.