Neuss: Jakob Koch – schon 1900 ein Superstar

Neuss : Jakob Koch – schon 1900 ein Superstar

Zwölf Jahre kämpften die Ringer des KSK Konkordia in der Bundesliga, zwei Mal stand die Mannschaft im Viertelfinale in den Playoffs zur Deutschen Meisterschaft – die Neusser hat der Erfolg, wenn sie ihn den überhaupt registrierten, kalt gelassen.

Zwölf Jahre kämpften die Ringer des KSK Konkordia in der Bundesliga, zwei Mal stand die Mannschaft im Viertelfinale in den Playoffs zur Deutschen Meisterschaft — die Neusser hat der Erfolg, wenn sie ihn den überhaupt registrierten, kalt gelassen.

Ein durchtrainierter Jakob Koch, der um seine Stärke weiß: Nur 1,80 Meter groß kämpfte er im Schwergewicht. Er brachte 110 Kilogramm auf die Waage. Seine Maße: Hals 48 Zentimeter, Hüfte 110, Oberschenkel 67, Handgelenk 21. Foto: Archiv

"Letztlich fehlte uns die Anerkennung", sagt Hermann J. Kahlenberg (67), "es fehlte die Anerkennung der Zuschauer und der Sponsoren aus der Wirtschaft." Jetzt steht der Konkordia-Präsident wieder dort, wo er vor vierzig Jahren einmal anfing: in der 4. Liga.

Dieser Bericht über Jakob Koch erschien im November 1906. Foto: Archiv

Fehlende Anerkennung beklagt auch Heike Sommer. Nicht für sich, sondern für ihren Großonkel. Berufsringer Jakob Koch holte sich die Weltmeister-Titel in London (1902) und Berlin (1904). Das steigerte seinen Marktwert. Sein Engagement im Berliner Wintergarten ließ er sich mit einer Monatsgage von 10 000 Mark honorieren, aber seine Heimatstadt Neuss, die er so sehr liebte, versagte ihm einen großen Wunsch: Er durfte nicht Schützenkönig werden.

Seit dem 24. September 2009 hat die Stadt Neuss eine Jakob-Koch-Straße. Das Namensschild im Südpark enthüllte Horst Faller (M.). Foto: Archiv

In ihrer Ausgabe vom 4. Januar 1950 beschreibt die Neuß-Grevenbroicher Zeitung die emotionalen Vorgänge zu Beginn des Jahrhunderts: "Jakob Koch hat die Neusser begeistert wie keiner vor oder nach ihm. Trotzdem blieb ihm der Wunsch versagt, Neusser Schützenkönig zu werden. Es mag 1900 oder 1901 gewesen sein. Kobes kam von seinem damaligen Wohnsitz Berlin nach Neuss, um als guter Neusser das Schützenfest mitzufeiern. Im Schützenzelt brachte er seinen Wunsch vor, aber er wurde nicht zum Schuss auf den Königsvogel zugelassen, weil er seinen Wohnsitz nicht mehr in Neuss hatte..." Nicht nur diese Zurückweisung habe ihn verletzt, erinnert sich Heike Sommer an Gespräche im Familienkreis, wenn wieder einmal Geschichten über "Onkel Köbi" die Runde machten: "In den Hauptstädten Europas war er ein Weltstar, nur nicht in Neuss. Das schmerzte."

Ein Jahrhundert später haben Neuss und die Neusser ihren Weltmeister Jakob Koch zumindest nicht vergessen. Das ist vor allem ein Verdienst von Horst Faller (65): "Als ich 1961 zum KSK Konkordia kam, war der Name Jakob Koch in den Erzählungen allgegenwärtig." Der junge Faller wollte mehr über den ehemaligen Weltmeister aus Neuss wissen, doch die Ausbeute, die er im Stadtarchiv fand, war bescheiden: die Geburtsurkunde und den Totenzettel. Das ließ Faller nicht ruhen, und er sammelte fortan alles, was er über Jakob Koch aufstöbern konnte.

Wenn heute nach Jakob Koch eine Straße benannt ist, dann steht Faller hinter dieser Ehrung. Als gebürtiger Neusser, als Ringer obendrein und später als Ringersport-Kampfrichter wollte er die Erinnerung an Jakob Koch wach halten. Faller wurde zum Koch-Jünger und begann zu sammeln, was er an Informationen, Zeitungsartikeln, Bildern und Zeitzeugnissen bekommen konnte. Wertvolle Dienste leistete ihm das Internet, so dass er international recherchieren konnte und letztlich auch fündig wurde.

Ein Ringer-Lehrbuch, von Koch herausgegeben, erwarb Horst Faller in der Ukraine. Es ist in russischer Sprache erschienen. Mit dieser umfangreichen, aufschlussreichen Sammlung unterfütterte der Neusser Kommunalpolitiker seinen Antrag, eine Straße in Neuss nach Jakob Koch zu benennen. Das war bereits 2003 der Fall. Doch Horst Faller, der als Sachkundiger Bürger für die SPD-Ratsfraktion im städtischen Sportausschuss saß, ließ sich nie entmutigen. Nach sechs Jahren wurde er belohnt. Am 5. Juni 2009 war die Umbenennung der Carl-Diem-Straße in Jakob-Koch-Straße beschlossene Sache — am 24. September 2009 wird sie vollzogen.

Seine sehr spannende und informative Sammlung über Jakob Koch, die er in mehreren Kartons aufbewahrt, will Horst Faller demnächst ans Stadtarchiv übergeben: "Da gehört sie hin, damit in Zukunft alle, die sich für den ersten Neusser Ringer-Weltmeister interessieren, mehr finden als nur die Geburtsurkunde und den Totenzettel."

Doch die Straßenbenennung war nicht der Endpunkt für Horst Faller. Am Donnerstag war er wieder unterwegs, die Erinnerung an Jakob Koch wach zu halten. An Kochs 142. Geburtstag zog es ihn zum alten Neusser Friedhof, wo er das Grab des berühmten Athleten pflegte. Er nahm junge Ringerinnen und ihre Mutter zur Unterstützung mit. So ganz nebenbei vermittelte er dann auch sein Wissen über den, der da in der Familiengruft liegt: "Die Mädchen wissen jetzt, wer Jakob Koch war." Demnächst will Faller wiederkommen: "Junge Sportler brauchen Vorbilder. Solche Persönlichkeiten wie Jakob Koch haben es verdient, nicht vergessen zu werden." An seine Erfolge erinnert auch eine Plakette, die im Foyer der Stadionhalle an der Jahnstraße angebracht ist.

Die heute unübersehbare Grabstelle wurde viele Jahre von den Familien Tillmanns und Sommer bewahrt und gepflegt. Doch erst 2009 war gesichert, dass dort auch Jakob Koch seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Heike Sommer, die Großnichte von Jakob Koch, sorgte dann für einen Grabstein, der an den Weltklasse-Ringer und seine Frau Helene erinnert.

Der Zusatz "Verletzt an Leib und Seele im 1. Weltkrieg" gibt einen Hinweis, dass Jakob Koch nicht nur auf der Sonnenseite des Lebens gestanden hat. Dabei hatte sich Jakob Koch im wahrsten Sinne des Wortes nach oben gekämpft. Jakob Koch, in Neuss nur "Kochse Köbes" gerufen, wurde am 12. April 1870 als Sohn des Korbmachermeisters Michael Koch geboren. Sein Elternhaus, Glockhammer D 137, stand zwischen Spulgasse und dem "Finke Höffke" in der Altstadt, die sich dort breit machte, wo heute der Meererhof steht. Als Sportler begann er seine Karriere im Trikot beim Neußer Turnverein von 1848, einem der Vorläufer der heutigen Turngemeinde. Gewichtheben und Turnen gab er schnell auf und konzentrierte sich auf das Ringen. Bereits 1896 kehrte er als Europameister aus Rotterdam zurück.

Schon zwei Jahre später wechselte Jakob Koch zu den Berufsringern — und stieg zum Star auf. Der Sport machte ihn zu einem wohlhabenden Mann. Vor allem in der Hauptstadt wurde er bewundert. Der bekannte Humorist Otto Reutter sagte es in einem seiner Aphorismen so: "Es lebe der Ruhm, bei der breiten Volksmasse ist der Ringkämpfer Koch viel bekannter als der Gelehrte gleichen Namens." Koch war bekannt.

Nach seiner Karriere kam er zurück nach Neuss. Kaufte ein Haus, in dem er an der Schwannstraße 35 lebte. Dort verstarb er auch im Februar 1918 an einer "unheilbaren Krankheit". Er wurde gerade einmal 48 Jahre alt. 2018 jährt sich zum 100. Mal der Todestag von Jakob Koch; Gelegenheit noch einmal über eine Ehrung für diesen großen Sohn der Stadt nachzudenken.

(NGZ/rl)
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