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Rp-Serie "ich Würde Gern Mal ..." - Bundestagskandidaten Einmal Anders: Schiefner: Einmal Feuerwehrmann sein

Rp-Serie "ich Würde Gern Mal ..." - Bundestagskandidaten Einmal Anders : Schiefner: Einmal Feuerwehrmann sein

Als er ein Junge war, hatten es Udo Schiefner die schönen roten Feuerwehrautos angetan. Dann zog es ihn doch zu den Roten in der Politik. Für unsere Serie hat der SPD-Bundestagskandidat bei der Freiwilligen Feuerwehr in Kempen malocht.

Kreis viersen Mit einer Drehleiter braucht man Udo Schiefner nicht zu kommen. Zu bodenständig ist der 53-jährige Kempener für Rettungsakrobatik in der Luft. Auf der Erde allerdings packt der Sozialdemokrat gern heiße Eisen an, er scheut im Labor keinen Bunsenbrenner, er brutschelt am Herd für den Bohneneintopf und löscht bei einer Feuerwehrübung auch gern mal einen Brand.

Lange Jahre hat Schiefner die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr in Kempen vom Schreibtisch aus begleitet. "Ich war mehr als zehn Jahre Mitglied im Feuerwehrausschuss und fünf Jahre lang dessen Vorsitzender", sagt Schiefner. "Man kann den Einsatz der Feuerwehrleute gar nicht hoch genug schätzen. Da setzen Menschen ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel, um andere zu retten. Es ärgert mich, wenn Leute meinen, das seien große Kinder, denen man ein neues Feuerwehrauto zum Spielen finanziert."

Schiefner erfüllt sich bei der RP-Serie einen Kindheitstraum: Für zwei Stunden tauschte er Zivilkleidung gegen Feuerwehruniform und schob Dienst bei den Blauröcken. "Als Junge war ich von den roten Autos schwer begeistert", erinnert sich der Sozialdemokrat. Viele seiner Bekannten seien später zur Feuerwehr gegangen. Doch den 16-jährigen Kempener zog es dann stärker zur "roten Politik" als zu den roten Fahrzeugen. "Es hat sich bei mir nicht ergeben. Vielleicht hatte ich auch nicht die körperliche Konstitution, die man dafür braucht", meint Schiefner. "Außerdem habe ich Höhenangst. Ein Einsatz auf einer Drehleiter ist nichts für mich."

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Auf dem Boden der Tatsachen indes ist Schiefner gern tatkräftig unterwegs — sei es gegen soziale Ungerechtigkeit, sei es für eine flächendeckende Kinderbetreuung, für gesetzlichen Mindestlohn oder in den Schnupperstunden beim Löschzug Kempen an der Heinrich-Horten-Straße.

Zur Brandbekämpfung gehört nicht nur der heldenhafte Einsatz an der Feuerfront, sondern auch die minutiöse Pflege und Instandhaltung von Wagen und Ausrüstung, wie Unterbrandmeister und Gerätewart Karl Genneper erklärt. "Unser Job lebt von Präzision. Direkt nach jedem Einsatz werden die Wagen und die Ausrüstung gesäubert und für den nächsten Alarm hergerichtet. In den Wagen hat alles seinen festen Platz. Wenn es drauf ankommt, müssen unsere Frauen und Männer da blind reingreifen können", erzählt Genneper. Das Reinigen und Prüfen der Atemschutzgeräte beispielsweise sei ein ausgefeilter, technischer Vorgang.

Was aber darf ein Feuerwehr-Debütant überhaupt? Das Auto waschen. Womit sich für Schiefner der Kreis schließt — vom Jungentraum von den roten Autos zum Feuerwehrmann auf Zeit. Wie so oft in seinem Leben fängt Schiefner auch beim Löschzug Kempen mit Kärrnerarbeit an.

Bei den sommerlichen Temperaturen kommt er allein in der warmen Feuerwehrhose und den schweren Stiefeln ins Schwitzen. Da hat der 53-Jährige den Mannschaftsbus noch nicht mit Reinigungsschaum eingeseift, noch nicht mit dem Schrubber abgebürstet. Mit klarem Wasser abspülen, polieren und die Halle ausspritzen gehören ebenfalls zum Job.

Schiefner malocht und schwitzt. Seinen Beruf hat der Bundestagskandidat ebenfalls von der Pike auf gelernt. Nach dem Hauptschulabschluss besuchte er erst die Berufsschule, machte dann eine Ausbildung zum Chemisch-Technischen Assistenten. "Chemie war immer mein Ding. Und Kochen, aber gegen den Beruf sprachen die Arbeitszeiten", sagt Schiefner. Und so widmete er sich weiter den chemischen Elementen. Fortbildung, Fachhochschulreife und Studium zum Qualitätssicherungstechniker machten ihn zum Leiter der Qualitätssicherung bei einer Mönchengladbacher Brauerei. "Ich bin ein Nutznießer der sozialdemokratischen Politik. Ich habe viel über den zweiten Bildungsweg gemacht", sagt Schiefner.

Das Politikgeschäft lernte Schiefner an der Basis. Er trat in die SPD ein, arbeitete bei den Jusos mit und lernte, wie die Kommunalpolitik funktioniert. Heute ist er Kreisvorsitzender der SPD und kandidiert zum zweiten Mal für die SPD.

Für den SPD-Bundestagskandidaten wird es nach dem Einsatz in der Waschstraße jetzt erst richtig heiß. Unterbrandmeister Genneper bringt ihm Jacke, Helm und Handschuhe. "Das Gewicht merkt man schon. Wenn ich mir vorstelle, dass ich da mehrere Stunden drin laufen müsste", sagt Schiefner.

Genneper fährt mit einem Tanklöschwagen vor und drückt dem SPD-Mann einen Wasserschlauch in die Hand: "So festhalten, da ziehen", ordnet der Unterbrandmeister an. Er zündet ein paar leere Kartons an. Im Nu qualmt es auf dem Hof. was jetzt zu tun ist, liegt auf der hand: Wasser marsch! Mit einem Druck von acht Bar schießt das Löschwasser aus dem Schlauch. Der Strahl kracht auf die Kartons, es qualmt noch mehr.

Unterbrandmeister Genneper zeigt seinem Lehrling, wie man von Vollstrahl auf Sprühstrahl wechselt. "So kann man das Feuer praktisch auskühlen." Schnell erlöschen die Flammen, es qualmt noch ein bisschen. Schiefner will den Schlauch schon aus der Hand legen, als Genneper ihn eines Besseren belehrt. Der Qualm kehrt zurück. Brandnester sind tückisch, die Flammen lodern wieder auf. "Jetzt weiß ich, wie wichtig Nachlöscharbeiten sind", sagt Schiefner.

Dann hat sich aller Rauch verzogen, die Kartons stehen unter Wasser. "Kann ich die Jacke jetzt wieder ausziehen?!", fragt der Sozialdemokrat und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Aber ein Malocher beklagt sich nicht.

In der heißen Wahlkampfphase ist er ebenfalls eher der ruhige Typ. Er setzt auf persönliche Begegnungen und direkte Gespräche. Mit Listenplatz sieben hat er diesmal gute Chancen auf einen Einzug als Abgeordneter in den Bundestag. "Ich werde dort viel lernen müssen, das ist mir klar. Aber ich möchte meine kommunale Anbindung behalten", sagt der Kreisvorsitzende der SPD.

Im Raumschiff Berlin könne man schnell den Sinn für die Realitäten verlieren und vom Boden der Tatsachen abheben. Doch einen bodenständigen Menschen kann das ja nicht erschüttern.

(RP)