Theatrale Verschwörung in der Kapelle in Moers.

Theater in Moers : Theatrale Verschwörung in der Kapelle

Nichts für Sinnsucher: Matthias Heße bringt mit „Illuminatics. Ein Mindfuck-Workout in 23 Stufen“ ein schrilles Schauspiel rund um abstruse Verschwörungstheorien auf die Bühne. Der Spielort wird selbst zum Thema.

Auf dieses „Mindfuck-Workout in 23 Stufen“ muss man sich wirklich einlassen wollen. Ansonsten steht man als Zuschauer bald vor lauter Verwirrung vor der eigenen theatralen Kapitulation. Das, was Matthias Heße für das Schlosstheater als „Illuminatics“ auf die kleine Bühne der Kapelle an der Rheinberger Straße bringt, ist ein 90-minütiger, zwar bizarr-komischer, aber auch irrer Trip durch die verschrobene Welt der Verschwörungstheorien. Verwirrung lautet das Konzept, Sinnsucher sind hier verloren. „Kluge Köpfe haben behauptet, die Welt sei ein Schauspiel. Ich sage: Sie ist ein Zirkus“, heißt es zu Beginn des Stücks. Heße bietet mit seiner Inszenierung allerdings auch die Blaupause fürs aktuelle Spielzeitmotto „Verkünden, Erlösen, Frohlocken“. Die Theaterleute um Intendant Ulrich Greb spürten heutigen Verschwörungstheorien und Heilversprechen nach, deren Nährboden wohl die wachsende Orientierungslosigkeit in unserer Gesellschaft ist. Die Premiere am Freitag stieß beim Publikum auf positive Resonanz.

Matthias Heße orientiert sich in seiner dritten Moerser Inszenierung an der Roman-Trilogie „Illuminatus!“ von Robert Shea und Robert Anton Wilson aus den 1970er Jahren. Die Autoren kreierten eine satirische, ganz und gar nicht chronologisch erzählte Geschichte um den 1785 verbotenen Geheimbund der Illuminaten und das Geheimnis der 23. Heße folgt in seiner Inszenierung der Vorlage in ihrer Erzählweise. In Moers ist sie unübersichtlich, widersprüchlich und schrill. Zuweilen vermittelt sie den Eindruck, man stecke mitten in dem Drogentrip und den Halluzinationen eines anderen. Matthias Heße hievt den 70er-Jahre-Trash jedoch ins 21. Jahrhundert und damit ins Internetzeitalter mit seinen Youtubern, Influencern und Fake-News-Produzenten. Die Weltverschwörung ist ein rentierliches Geschäft geworden – mit Klicks, Likes und Abonnenten, die in die Hunderttausende gehen. Heßes Publikum sitzt im Wohnzimmer einer Kleinfamilie, die damit ihr Geld verdient. Sie betreibt die „Illuminatics Shop and Channel GbR“. Celine Hagbart (Elisa Reining) ist der attraktive Clickmagnet, der vor der Kamera Pseudowissenschaften und Verschwörungstheorien als Fakt zu verkaufen und zu verdrehen weiß. Beispiele: „Die Illuminaten greifen nach der Weltherrschaft.“ „Die Erde ist flach.“ „Die Flut kommt früher oder später“. Georg Dorn (Roman Mucha) ist der Programmierer und IT-Experte, der am Ende das Programm abstürzen lässt. Patrick Dollas spielt Neuss, den esoterisch angehauchten Geschäftsführer der GbR – mit Langhaar und Stirnband. Brute ist die stark behaarte und artistisch begabte Tochter und Tierrechtsaktivistin, die in den Zoo einbricht, um ihren Freund Howard im Delfinarium zu besuchen. In diesem Kosmos bestimmt das I Ging, ein chinesisches Münz-Orakel, jetzt aber der Super-Computer Fuckup, den Tagesablauf mit Hexagramm und der Antwort auf die Frage, wann die Welt untergeht. In der distanzlosen Enge geht es in Heßes Inszenierung ans Eingemachte und allzu Menschliche: Unzufriedenheit, Enttäuschungen, unerfüllte Erwartungen dringen an die Oberfläche. Die Bühne in der Kapelle hat Steffi Dellmann eingerichtet. Auf dem oberen Rang befindet sich das Wohnzimmer mit Flachbildschirm und gestapelten Konservendosen. Unten wird gefilmt. Der Regisseur setzt mit Unterstützung von Felix Hecker und Björn Nienhuys Videos ein, die die Welt außerhalb präsentieren. Wiederkehrender Gag: Kinder mit Pony stehen vor der Tür und sammeln für den Zirkus. Auch die aktuelle Diskussion um die Kapelle mit dem Bauwagen als Kassenhäuschen im Park wird thematisiert. Die Kapelle hebt zum Schluss als Raumschiff von der Erde ab. Fragt sich, wo sie letztendlich landet: auf der hellen oder der dunklen Seite des Mondes?

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