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Moers: Moerser Schlosstheater lässt die Geier kreisen

Moers : Moerser Schlosstheater lässt die Geier kreisen

Michael Crowley erlebt die Welturaufführung seines Theaterstücks "The Dead Inc." am Schlosstheater. Ulrich Greb hat es inszeniert.

Es ist nur ein sanfter Flügelschlag, ein weit entferntes Flattern, das aber ein Unheil ankündigt: Einer wird sterben - in dieser in Agonie verharrenden und vor der Pleite stehenden GmbH "Lachesis", die ihr Geld damit verdient, die Lebensdauer anderer Menschen statistisch zu berechnen, und es doch mit Vehemenz vermeidet, das Wort Tod auch nur auszusprechen. "The Dead Inc." nennt Autor Michael Crowley sein Theaterstück, das am Samstag im Moerser Schlosstheater Welturaufführung gefeiert hat - vor ausverkauftem Haus und mit großem Publikumsapplaus. Intendant Ulrich Greb, der das Stück ins Deutsche übersetzt hat, hat diese Büro-Komödie mit skurrilem Humor bis ins Absurde inszeniert. Gleichzeitig seziert er die Verdrängungsmechanismen einer Gesellschaft, die das Thema Tod lieber tabuisiert.

"The Dead Inc." ist keine dieser schenkelklopfenden Komödien à la Stromberg. Damit wäre nur an der Oberfläche von Theaterstück und Inszenierung gekratzt. "Lachesis" ist in der griechischen Mythologie die mittlere der drei Moiren. Ihre Aufgabe ist es, die Länge des Lebensfadens zu bemessen. Und damit sind auch die Mitarbeiter der Firma "Lachesis" bis zur Eintönigkeit befasst, bis die Ehefrau des Firmeninhabers Julius beim Yoga stirbt und kurz darauf die Hedgefond-Geier flatternd ihre Kreise über Firma und Mitarbeiter ziehen.

Hat das etwas damit zu tun, dass Julius seiner Frau nicht den letzten Wunsch erfüllt hat? - eine tibetische Himmelsbestattung, bei der der Körper unter freiem Himmel den Geiern geopfert wird. Das Bühnenbild von Birgit Angele zeigt ein Büro, das mit Schreibtischen, Telefonen und Computern ausgestattet ist - alles aus Pappe gefertigt. Durchsichtige Folien, an einem Drehkreuz befestigt, trennen die Bürobereiche und lassen das Dahinter nur schemenhaft erkennen. Ein Kaffeeautomat spiegelt die Vielfalt der Möglichkeiten wider, die dem Personal verschlossen bleibt. Es hat längst den Karriere-Zenit überschritten.

Greb holt die Geschichte auf eine zweite, surreale Ebene, indem er die Schauspieler die Rollen tauschen lässt. Magdalene Artelt spielt den stark beleibten Firmeninhaber Julius - bedächtig, apathisch und als einzige im Ensemble mit verstellter Stimme -, der Meetings anberaumt, um mit der Kenntnis von Jenseitsformen in der Kulturgeschichte auf dem Markt zu punkten. Marissa Möller ist der ehrgeizige Assistent Troy, der als einziger Verdacht hegt gegen Managerin Sandy Vautour, die die Firma übernehmen will, und Stimmen aus dem Jenseits hört - wie die seiner toten Katze, die nebenbei bemerkt wie Mickey Mouse klingt. Patrick Dollas gibt den Daten-versessenen Brian, Matthias Heße die karrierebewusste, adrett gefönte Miranda, gefangen in einer Feedback-Schleife, die bei Lachesis zur Unternehmenskultur gehört. Sie wähnt sich vor dem beruflichen Höhenflug an der Seite der attraktiven Geschäftspartnerin Sandy Vautour (Frank Wickermann). Ein Flügelschlag kündigt ihre Ankunft an. Sie trägt einen Bolero aus Federn, ihr französisch klingender Nachnamen Vautour heißt übersetzt Geier. Das ist ein bisschen viel aufgetragene Symbolik. Der Humor entsteht durch Überzeichnung neoliberaler Firmenstrategien bis ins Absurde, durch Details, die schmunzeln lassen, wenn Greb zum Beispiel Patrick Dollas ein enorm vergrößertes Körperteil verpasst oder drei Mitarbeiter im Kopfstand nachdenken lässt. Das Ende ist unappetitlich: Es gibt was Chinesisches mit Stäbchen für vier. Denn einer muss ja sterben.

Nächste Vorstellung ist am Mittwoch, 22. Februar, 19.30 Uhr im Schloss. www.schlosstheater-moers.de

(RP)