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Mönchengladbach: Marie Bernays – die frühe Frauenrechtlerin

Gastbeitrag : Marie Bernays – die frühe Frauenrechtlerin

Wer hin und wieder durch den Mönchengladbacher Stadtteil Güdderath fährt, wird sich vielleicht über den Namen gewundert haben. Dort gibt es einen Marie-Bernays-Ring. Wer war die Frau, nach der eine Straße benannt wurde und was hat sie mit Mönchengladbach zu tun?

Marie Bernays kam zuerst im Jahre 1908 nach Mönchengladbach, mit 25 Jahren. Sie war eine der ersten Frauen an der Universität in Heidelberg, wo sie Nationalökonomie, Philosophie und Theologie studierte. Und sie gehörte zu den ersten Frauen in Deutschland, die einen Doktortitel erhielten.

Marie Bernays untersuchte inkognito, soziologisch durch „teilnehmende Beobachtung“ als Spulerin, anonym die Arbeits- aber auch Lebensbedingungen der Arbeiterschaft in der Textilindustrie Mönchengladbachs. Dafür hatte sie sich die Gladbacher Spinnerei und Weberei Aktiengesellschaft, heute Berufskolleg am Platz der Republik, ausgesucht. Ihre Ergebnisse veröffentlichte sie zwei Jahre später in ihrer Doktorarbeit. Damit besitzt Mönchengladbach eine der wichtigsten Studien über den Einblick in die Lebenswelt der Textil-Arbeiter und Arbeiterinnen der damaligen Zeit. Nicht unerwähnt bleiben darf der Hinweis, dass Bernays eine Lieblingsstudentin des namhaften Soziologen Max Weber war, der vor 100 Jahren an der Spanischen Grippe starb und zur Inspiration der Studie beigetragen hatte.

Sicherlich spätestens in Mönchengladbach wurde Marie Bernays durch ihre zunächst betriebsinternen Untersuchungen, die auch heute noch als eine wichtige empirische Studie gilt, auf die Problematik der Frauen aufmerksam und sensibilisiert. Vielfach waren in der Textilindustrie Frauen für viele Tätigkeiten erforderlich, so zum Beispiel traditionell für den Spinnprozess. Die industriell-mechanische wirtschaftliche Entwicklung zwang viele Frauen zur Erwerbsarbeit in den zahllosen Textilfabriken. Darüber hinaus konnten sich Familien aufgrund der geringen Löhne nicht allein vom Verdienst des Mannes ernähren. Viele Publikation von Marie Bernays beschäftigen sich in der Folgezeit ihrer in Mönchengladbach gemachten Erfahrungen mit der Industrialisierung und den Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter und Arbeiterinnen, insbesondere mit der Frauenarbeit und Frauenproduktionsarbeit.

1920, also vor 100 Jahren, erschien dann ihr viel beachtetes Buch über „Die Deutsche Frauenbewegung“. Gerne, so schreibt sie im Vorwort, hätte sie mehr Platz für ihr Thema gehabt. Dennoch umreißt sie auf 111 Seiten den Stand der damaligen Frauenbewegung in drei Hauptkapiteln: Zur Soziologie -, Zur Geschichte - und Zur Theorie der Frauenbewegung. Marie Bernays sah die wirtschaftlichen Ursachen der Frauenbewegung in den Wandlungen der modernen Technik und der „gesamten grundstürzenden Umwälzung des Wirtschaftslebens“. Die geistigen Grundlagen verortete sie im Deutschen Idealismus, mit seinem „Ideal der sittlich freien, seelisch reichen und durchgeistigten Persönlichkeit“.

Vor 100 Jahren erschien Marie Bernays Buch „Die Deutsche Frauenbewegung“, in dem sie den Stand der damaligen Frauenbewegung umreißt.  Foto: Stadt MG

Nach Silke Schlüter war Marie Bernays in der „gemäßigten“ bürgerlichen Frauenbewegung engagiert. Nicht nur durch den gerade in der Textilwirtschaft hohen Anteil der Frauenerwerbstätigkeit – teilweise bis zu 70 Prozent – hatten sich neue soziale Probleme ergeben. Marie Bernays, deren Kusine Martha Freud, geborene Bernays, die Frau von Sigmund Freud war, engagierte sich in der organisierten Frauenbewegung. Sie war Mitglied in zahlreichen politischen Vereinen. Nach Marie Bernays konnte und sollte die Frauenbewegung hierzu einen Beitrag leisten. Eine der zentralen Aussagen in ihrem Buch: „Der Kampf um erweiterte Frauenpflichten und vergrößerte Frauenrechte begleitet das Ringen der Frauen einem geistigen innerlichen Sein, das immer reicher und immer persönlicher werden will.“ Allein mit der Durchsetzung des Frauenwahlrechts, im November 1918, allein war viel noch nicht erreicht.

Nachdem Marie Bernays im Ersten Weltkrieg für den Nationalen Frauendienst das Kriegstagheim für arbeitslose Mädchen betreut hatte, übernahm sie ab 1917 die Leitung einer sozialen Frauenschule in Mannheim. Diese leitete sie bis zur Suspendierung durch die Nationalsozialisten 1933. Vor ihrem Studium der Nationalökonomie hatte sie bereits eine Lehrerausbildung abgeschlossen. Auch politisch setzte sie sich einige Jahre für die Belange der Mädchen und Frauen als Abgeordnete im badischen Landtag ein. Marie Bernays starb 1939 in Beuron. Sie war eine Pionierin der modernen Sozialwissenschaften und engagierte Frauenrechtlerin.