Mettmann setzt ein Zeichen gegen Rechts

Demonstration verläuft friedlich : Mettmann setzt ein Zeichen gegen Rechts

Die Demonstration gegen Rechts am Samstagvormittag (23.3.) in Mettmann ist nach Angaben der Polizei friedlich verlaufen. Sie schätzt die Zahl der Teilnehmer auf 1500. Teilnehmer gingen anfangs von bis zu 2500 Mitstreitern aus.

Ali Kuran ist 64 Jahre alt, „und ich lebe hier länger als die Menschen, die am vergangenen Samstag hier demonstriert haben“, sagt er nachdenklich. Seine Familie mit türkischen Wurzeln ist nach Deutschland gekommen, als er noch ein kleines Kind war. Mittlerweile „ist hier meine zweite Heimat, meine Kinder sind hier geboren“, erzählt er. Um diese Heimat mitzugestalten, ist er Mitglied der SPD geworden, sitzt als sachkundiger Bürger im Mettmanner Stadtrat.Jetzt marschiert er bei der Demonstration „Mettmann ist bunt“ mit, Seite an Seite mit Gewerkschaftern, Pfadfindern, Politikern, Mitgliedern des Jugendrates, der Stadtverwaltung, der Katholischen Kirchengemeinde und vielen anderen Vereinen, Gruppen und Initiativen und Privatpersonen.

„Mettmann ist bunt“, schon allein die Liste der Teilnehmer hält dieses Versprechen. Sie alle haben sich zusammengeschlossen, um ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Tief sitzt bei vielen noch der Schrecken, als Mettmanner Bürger am vergangenen Samstag (16.3.) beobachten mussten, dass sich eine Kundgebung der als rechtsextrem eingestuften Partei „Der III. Weg“ ihren Weg durch die Innenstadt bahnte. Auch Ali Kuran hatte die Kundgebung beobachtet. „Ich war erschrocken“, erinnert er sich. Einige Mettmanner hätten sich spontan dazu gestellt und protestiert. „Das fand ich sehr gut, dass die Menschen nicht einfach weggegangen sind.“ Schlimm sei es, dass eine solche Demonstration rechtsextremer Kräfte „ausgerechnet in Mettmann sein muss. Wir leben hier doch in Frieden“, sagt Ali Kuran.

„Mettmann ist bunt“, so lautete das Motto der Demonstration. Foto: Alexandra Rüttgen

Die für viele Bürger so überraschende Kundgebung der Neonazis hatte großen Wirbel aufgelöst. Im Nachgang dieser Demonstration wurde Bürgermeister Thomas Dinkelmann vorgeworfen, die Öffentlichkeit nicht informiert und damit um die Chance gebracht zu haben, zeitgleich noch eine Gegen-Demonstration zu formieren. Dinkelmann wiederum setzte seinen Kritikern entgegen, dass er zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit gar nicht anders habe handeln können.

Viel Mühe hatten sich die Teilnehmer gegeben, um Plakate und Transparente anzufertigen, die Sprüche wie „Neonazis auf den Mond, weil da oben keiner wohnt“ zierten. Foto: Alexandra Rüttgen

Daraufhin organisierten die Fraktionschefs in Mettmann unter dem Motto „Mettmann ist bunt“ für Samstag, 23.3, eine Kundgebung. Sie bewegte sich am Vormittag über jene Straßen und Plätze, die eine Woche zuvor noch Schauplatz der Demonstration rechtsextremer Kräfte waren. Ziel war der Königshof-Platz, auf dem Mettmann-Impulse mehrere Aktionen vorbereitet hatte.

Gisela Lehmann von „Pulse of Europe“ verteilte Flugblätter, Wai Hung Wong nahm sich spontan eins mit. Foto: Alexandra Rüttgen

Dinkelmann marschiert einige Reihen hinter Ali Kuran mit. Der Shitstorm, der sich über ihn in der vergangene Woche ergossen habe, war „nicht schön“, erzählt er, „nicht respektvoll, teilweise sehr persönlich und diffamierend“. Die Gegenkundgebung mit von der Polizei offiziell geschätzten 1500 Teilnehmern sei nun ein „starkes Signal“, an dem er sich gerne beteilige. „Es wäre nicht möglich gewesen, so etwas am letzten Wochenende auf die Beine zu stellen“, vermutet Dinkelmann, habe er selbst doch erst am Donnerstag zuvor von der Neonazi-Demonstration am Samstag erfahren. Die Stimmung hat sich mittlerweile wieder beruhigt: Von den Demonstranten sei er positiv aufgenommen worden, lautstarke Proteste gegen den Bürgermeister blieben aus.

Bürgermeister Thomas Dinkelmann und weitere Mitarbeiter des Rathauses zogen ebenfalls mit. Foto: Alexandra Rüttgen

Überhaupt war die Stimmung während der gesamten Demonstration, die gegen 12.20 Uhr endete, gut gelaunt und friedlich. Wolfgang Wölke, Schlagzeuglehrer der Musikschule Mettmann, hatte sich eigens mit einer Musikgruppe eingefunden: Sie lieferte fetzige Samba-Rhythmen, in deren Begleitung die Demonstranten durch die Straßen zogen. Ganze Familien mit ihrem Nachwuchs im Kinderwagen, Senioren, Jugendliche und einige bunte Hunde gingen mit.

Labrador „Othello“ (vorne) und seine Kumpels waren die bunten Hunde unter den Demonstranten. Foto: Alexandra Rüttgen

Auf Krücken war Heike Leimert gekommen. Sie gehört dem Aktionsbündnis „Omas gegen Rechts“ an und trägt ein Plakat mit diesem Schriftzug um den Hals. „Auch wir älteren Frauen haben eine Stimme. Und wir sind viele“, sagt sie. Alt-Bürgermeister Bernd Günther Dittmann ist ebenfalls unter den Demonstranten. „Wir sind hier, um zu zeigen, dass Mettmann bunt ist. Da können auch Rassisten überhaupt gar nichts dran ändern“, sagt seine Ehefrau Esther Dittmann-Günther mit Nachdruck.

Auf Krücken war Heike Leimert gekommen. Die 60-Jährige gehört dem Aktionsbündnis „Omas gegen Rechts“ an. Foto: Alexandra Rüttgen

Schwer zu tragen hat an seinem Plakat Arthur Menzler. „Gemeinsam gegen Nazis für eine Welt“, steht auf der bemalten Leinwand, die auf einem Holzstecken montiert ist. Der 75-Jährige reckt das Transparent bis zum Schluss der Demo aufrecht nach oben. „Wie dumm kann man sein, dass man wie Trump, Erdogan oder Orban glaubt, mit Nationalismus die Welt verbessern zu können“, sagt er. Er selbst habe noch die Nachkriegszeit erlebt. „Ich bin als Kind über die Schuttberge zertrümmerter Häuser geklettert und weiß noch, was Hunger ist“, erzählt der Finanzberater. „Nie wieder“, fügt er dann noch hinzu.

Sabine Brümmer und Silvia Schäfer hatten das Motto "Mettmann ist bunt" vor das Haushaltswarengeschäft gemalt, für das sie arbeiten. Foto: Alexandra Rüttgen

Als der Demonstrationszug auf seinem Weg durch die Fußgängerzone die Schwarzbachstraße erreicht, steht Sabine Leuchten schon da. Auf dem Wochenmarkt herrscht noch reges Treiben. Doch die Markthändlerin hat ihren Stand verlassen und schlägt mit ihrem Kochlöffel auf einen alten Kochtopf, um die Teilnehmer zu unterstüzten. „Ich finde es einfach unmöglich, wie das letzte Woche hier gelaufen ist“, sagt sie. Daher will sie jetzt zumindest akustisch ein Zeichen setzen, bevor sie am Stand wieder ihre Kunden bedient.

Markthändlerin Sabine Leuchten unterstützte die Demonstrierenden spontan, indem sie mit auf einen Kochtopf schlug. Foto: Alexandra Rüttgen

Eine Passantin stupst CDU-Fraktionschef Richard Bley an, der den Demonstrationszug nach hinten absichert. „Absolut richtig, absolut gut“, zeigt sie sich begeistert von der Demonstration. Und hätte sie jetzt nicht noch einen Haufen Termine, dann würde sie sich der Kundgebung spontan anschließen. „Schade“ sagt sie und eilt mit ihren Einkaufstaschen, aus denen eine Stange Lauch hervorguckt, des Weges.

Vor der Kirche St. Lambertus legte der Demonstrationszug einen Zwischenstopp ein. Foto: Alexandra Rüttgen

Andere hingegen reihen sich zwischen den Demonstranten ein. So zum Beispiel Tayfun Menemenioglu, seine Frau Sylvia und Dackel „Kalli“. Tayfun ist aus der Türkei, Sylvia aus Deutschland und Dackel Kalli aus Rumänien – Grund genug, um für „Mettmann ist bunt“ zu demonstrieren. „Wir finden die Demo gut. Wir wollen uns auch einreihen. Es sollte selbstverständlich sein, sich gegen den Fremdenhass zu stellen“, sagen sie.

Beim Lied „Hawa Nagila“ klatschten alle mit - ein Gäsehautmoment. Foto: Alexandra Rüttgen

Auf dem Platz vor der Katholischen Kirche St. Lambertus macht der Demonstrationszug Halt. „Gibt es keine Lieder, die wir singen könnten?“, hatte noch kurz zuvor eine Frau im Demonstrationszug gesagt. Jetzt empfängt eine Band die Teilnehmer, stimmt das Lied „What a wonderful world“ an und legt mit „Imagine“ noch nach. Bei „Hawa Nagila“ klatschen alle Menschen auf dem Platz spontan mit – ein Gänsehaut-Moment. Ebenso wie die Schweigeminute kurze Zeit später am Koburg-Mahnmal auf dem Lavalplatz, bei der alle, aber wirklich alle mucksmäuschenstill sind. Das Mahnmal erinnert an die in der Koburg im Neandertal und dem Braunen Haus an der Bismarckstraße misshandelten und getöteten Gefangenen des Nazi-Regimes. Kurz vor Beginn der Demonstration hatten Monika Klein, Beisitzerin im Ortsverein der SPD, und weitere Mitstreiter das Mahnmal noch mit Tulpen geschmückt.

Anschließend gingen die Teilnehmer ruhig die engen Gassen in Richtung Lavalplatz. Foto: Alexandra Rüttgen

Klaus Müller schaut auf das Display seines Handys. „It’s in Mettmann, this ist great“, sagt er, während er den Demonstrationszug filmt und gleichzeitig mit seinem Freund telefoniert. Dieser Freund lebt mittlerweile wieder auf Sri Lanka, war aber einmal acht Monate lang Bürger der Stadt Mettmann. „Für ihn ist es ganz besonders, dass sich die Menschen hier gegen Neonazis erheben“, erzählt Klaus Müller, der selbst 19 Jahre lang in Sri Lanka lebte und arbeitete. Dass jetzt, eine Woche nach der Demonstration von Neonazis in Mettmann, eine Gegen-Kundgebung stattfinde, „das ist groß“, findet er. „Wenn man Gewalt verhindern kann, ist schon viel erreicht.“

Am Lavalplatz hatten Monika Klein, Beisitzerin im Ortsverein der SPD, und Mitstreiter bereits das Koburg-Mahnmal mit Tulpen geschmückt. Foto: Alexandra Rüttgen

Sechs Personen umfasste das Kernteam, das innerhalb einer Woche die Gegenkundgebung vorbereitete. „Ich bin total stolz“, zeigt sich CDU-Fraktionschef Reinhard Bley erfreut - auch er gehörte dem Organisationsteam an. Und auch Andreas Konrad von Mettmann-Impulse zeigt sich bei der Abschlussveranstaltung auf dem Königshof-Platz hoch erfreut: „Wir sind stolz, was wir als Mettmann-Impulse in der Kürze der Zeit hinbekommen haben“, sagt er sichtlich gerührt. Jens-Christian Holtgreve fügt hinzu: „Es war bunt und es war schön. Die schrecklichen Bilder der Neonazis sind ersetzt worden durch neue, positivere Bilder. Und wir waren viel mehr als die, die am letzten Samstag durch Mettmann marschiert sind.“ Das sei es, was zählt.

Zu einer Abschlussveranstaltung hatte Mettmann-Impulse auf den Königshof-Platz eingeladen. Kinder und Erwachsene malten bunte Motive auf das Straßenpflaster. Foto: Alexandra Rüttgen

Direkt nebenan aber mischte sich Trauer in das allgemein positive Stimmungsbild: Mit Gebetsteppichen und Rosen - für jedes Opfer jeweils eine - erinnerten die Mettmanner Muslime an die Opfer des Terroranschlags in Christchurch/Neuseeland. Jugendliche hielten daneben Mahnwache. „Das ist schon hart, so etwas mitzubekommen“, sagen die 17-Jährigen. „Aber wir lassen uns nicht abschrecken. Wir leben unsere Religion weiter und gehen weiter in die Moschee.“ In Mettmann blieb es am Samstag friedlich. In der Welt aber gehen die Glaubenskriege weiter.

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