Stadt Kempen: Sankt Martin wird Landeskulturerbe

Stadt Kempen: Sankt Martin wird Landeskulturerbe

Die Initiative des Kempener Jeyaratnam Caniceus und des Brüggeners René Bongartz zeigt einen ersten Erfolg. Eine Expertenkommission hat die Martinstradition für die Liste der besonderen Bräuche des Landes vorgeschlagen.

Der Kempener St.-Martinszug ist einer der größten im Rheinland. Jedes Jahr ziehen Tausende Kinder und Jugendliche mit kunstvoll selbst gefertigten Fackeln im November durch die Altstadt. Das Martinsfest in Kempen ist für die Kempener und diejenigen, die hier einmal gelebt haben, alljährlich ein beliebter Treffpunkt, für manche Familien fast genauso wichtig wie Weihnachten oder Ostern. Auch andernorts ist das Martinsbrauchtum über Jahrhunderte tief verwurzelt. Als der Kempener Jeyratnam Caniceus und der Brüggener R ené Bongartz im vergangenen Jahr ihre Initiative starteten, dass Sankt Martin als Weltkulturerbe anerkannt werden solle, wurden sie zunächst ein wenig belächelt. Jetzt haben sie ein erstes Etappenziel erreicht: Sieben Monate, nachdem sie einen entsprechenden Antrag an das Land Nordrhein-Westfalen eingereicht hatten, hat jetzt eine unabhängige Expertenkommission bekannt gegeben, dass auch Sankt Martin fortan zu denjenigen Traditionen und Bräuchen gehören soll, die als Kulturerbe des Landes anerkannt sind.

Für Caniceus und Bongartz ist diese Mitteilung, die gestern verbreitet wurde, ein erster großer Erfolg. Während Bongartz schon als Jugendlicher in der Viersener Sektion Bockert beim Martinsfest in die Rolle des Bettlers, der vom Heiligen Mann der Legende nach die Hälfte seines Mantels geschenkt bekommen hat, geschlüpft ist, hat Caniceus, der vor mehr als 30 Jahren als Flüchtling aus Sri Lanka nach Deutschland kam, das Martinsbrauchtum erst in Kempen kennen und schätzen gelernt. Bereits 2013 hatte Caniceus die Idee für die Bewerbung. Damals besprach er sie mit seinem Freund Bongartz am Rande des Kempener Martinszuges. Ähnlich wie das Schützenbrauchtum soll doch die Martinstradition in die Liste der immateriellen Kulturgüter aufgenommen werden, meinte Caniceus. Bongartz war spontan begeistert.

Im vergangenen Jahr schritten die Beiden zur Tat, luden Interessierte zu einem Meinungsaustausch ein. Der fand im September mit rund 200 Vertretern von etwa 70 Vereinen aus dem Kreis Viersen, aus Krefeld, Mönchengladbach, Emmerich, Dinslaken, Düsseldorf, Neuss, Hilden, Straelen und Stolberg im Brachter Bürgersaal statt. Damals wurden Caniceus und Bongartz ermutigt, bei der Weltkulturorganisation Unesco einen entsprechenden Antrag einzureichen. Auch an den nordrhein-westfälischen Landtag richteten sie ihr Schreiben.

Die Landtagsfraktionen von CDU, SPD, FDP und Grünen unterstützten Mitte Januar dieses Jahres das Ansinnen von Caniceus und Bongartz, die rheinische Martinstradition ins Inventar des immateriellen Kulturerbes aufnehmen zu lassen. Eine unabhängige Expertenkommission wurde gebeten, dies zu prüfen. Ob eine Tradition in die Kulturerbe-Liste aufgenommen wird, ist allerdings nicht davon abhängig, ob der Landtag eine entsprechende Initiative unterstützt. Die Kommission, die für die Bewertung des Kulturerbes zuständig ist, wurde aber über das Votum des Landesparlament informiert.

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Und die Experten haben inzwischen geprüft. Nun steht fest: Neben 13 weiteren Bewerbungen - darunter das Brieftaubenwesen, die Bolzplatzkultur oder die Anlage von Flechthecken - soll auch der rheinische Sankt Martin künftig zum Kulturerbe des Landes gehören.

Die Initiatoren Caniceus und Bongartz zeigten sich gestern dankbar für die breite Unterstützung sowohl von vielen Martinsvereinen als auch von der Landespolitik. "Das Votum des NRW-Parlaments wird Sankt Martin in der nächsten Runde auf Bundesebene tragen", meinten Caniceus und Bongartz gestern. Ein Dachverein des Kulturerbes Sankt Martin sei geplant, da eine private Bewerbung auf Bundesebene nicht angemessen sei. Dem Verein soll eine Stiftung zur Seite stehen, die den Erhalt der rheinischen Martins-tradition zur Aufgabe hat.

Jeyaratnam Caniceus, der mit seiner Familie längst in Kempen heimisch geworden ist, sich hier vielfältig - unter anderem als Stadtverordneter - engagiert, hat bereits angekündigt, in diesem Herbst eine Ausstellung über das Martinsbrauchtum in Kempen zu zeigen. Die Wanderausstellung "Sankt Martin war ein guter Mann" soll sich vor allem an Familien mit Kindern richten.

(RP)