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Kaarst: Ein Zeitzeuge, der auf "Schindlers Liste" stand

Kaarst : Ein Zeitzeuge, der auf "Schindlers Liste" stand

Michael Emge hat den Holocaust überlebt, sein Name stand auf "Schindlers Liste". Nun erzählte er Vorster Schülern seine Geschichte.

Eine Geschichtsstunde der besonderen Art erlebte die Jahrgangsstufe neun des Georg-Büchner-Gymnasiums mit Michael Emge. Der 83-Jährige ist ein Zeitzeuge des Holocausts, sein Name stand auf Schindlers Liste.

Diese ist spätestens seit dem gleichnamigen Film weltbekannt — und dass Emge über seine Erlebnisse überhaupt öffentlich spricht, begründet sich in seinem Ärger über die Verfilmung.

"Darin gibt es vielleicht drei oder vier Szenen, die der Realität entsprechen", sagte Emge. Der gezeigte ausschweifende Lebensstil mit Geld, Frauen und Partys sei dagegen falsch. Auch den Mythos eines Märtyrers würde er Oskar Schindler nicht zuschreiben.

"Er war ein cleverer Geschäftsmann, der mit seinen Fabriken Geld verdienen wollte", sagte der 83-Jährige. Damit widerspricht er dem weit verbreiteten öffentlichen Bild Schindlers. Ohne den Film hätte Michael Emge wohl bis heute geschwiegen. Selbst seine Frau wusste die ersten zehn Ehejahre nichts über sein Leben im Ghetto und in den Konzentrationslagern.

Der gebürtige Pole wuchs in Krakau und Bochnia auf, überlebte getrennt von seinen Eltern drei Konzentrationslager. Seine Mutter arbeitete in einer von Schindlers Fabriken, durch den Ghettoleiter Franz Müller kamen ihre Namen der Emges auf die berühmte Liste. "Zu 95 Prozent würde ich behaupten, dass Müller mein Leben gerettet hat. Er schaffte es immer wieder, mich abseits der Geschehnisse im Ghetto zu halten", sagte Emge. Auch bei Schindler — den er nur zweimal von weitem gesehen hatte— bedankte sich Emge mit einem Schreiben. Heute würde er das nicht mehr tun, erzählte der Zeitzeuge den Schülern.

Gemeinsam mit der Journalistin Angela Krumpen gestaltete Michael Emge seinen Besuch an dem Vorster Gymnasium. Krumpen las aus der Biografie "Spiel mir das Lied vom Leben" und interviewte den Zeitzeugen, während auf einer Leinwand Fotos und Filmausschnitte gezeigt wurden. Zum Abschluss konnten die Schüler ihrem Gast Fragen stellen. Sie reagierten neugierig, aber äußerst respektvoll. "Es gibt keine Tabu-Fragen", sagte Angela Krumpen.

Emge sprach über den Tagesablauf im KZ, dass er nie an Selbstmord gedacht habe und nie Mitleid mit den Erschossenen empfand. "Auch heute spüre ich leider keine Trauer, wenn jemand stirbt", sagte Emge. Der 83-Jährige ist heute der letzte in Deutschland Lebende von Schindlers Liste. Die übrigen wohnen in den USA und in Israel, Kontakt hat er zu ihnen nicht. Ein Vortrag wie am Georg-Büchner-Gymnasium strengt den 83-Jährigen enorm an. "Danach bin ich immer zwei Tage krank", sagte er. Aber das Interesse der Jugendlichen treibe ihn immer wieder an.

(stef)