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Der Erste Weltkrieg In Duisburg: Rückschlag für eine pulsierende Stadt

Der Erste Weltkrieg In Duisburg : Rückschlag für eine pulsierende Stadt

Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde in Duisburg rege gebaut, die Wirtschaft brummte, die Bürger vergnügten sich in Bädern, Cafés, Restaurants und Kinos. Alle blickten hoffnungsvoll in die Zukunft. Doch dann kam alles anders.

Duisburg Anfang 1914: Die wirtschaftliche Entwicklung der Jahre 1913 und 1914 ist nach dem Boomjahr 1912 leicht von der politischen Unsicherheit überschattet, aber die Duisburger blicken hoffnungsvoll in die Zukunft. Nur wenige Monate wird es dauern, bis die Katastrophe des Ersten Weltkriegs ganz Europa in den Abgrund stürzt.

Bei Reichsgründung 1871 hatten Alt-Duisburg, Ruhrort und Meiderich zusammen knapp 50 000 Einwohner. Bis 1914 wuchs die Bevölkerung um das Fünffache auf 251 750. Der 1911 gewählte Oberbürgermeister Karl Jarres bezeichnet den Zuwachs der Bevölkerungszahl als beängstigend, da nicht genügend Fläche für die Wohnbebauung zur Verfügung steht. Er schlägt deshalb vor, das Stadtgebiet unter Einbeziehung der linksrheinischen Städte Homberg und Rheinhausen sowie des nördlichen Teils des Landkreises Düsseldorf und der Stadt Hamborn zu erweitern.

Die rege Bautätigkeit in Duisburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts spiegelt sich in Gebäuden wider, die teilweise noch heute das Stadtbild prägen. Dazu gehören das repräsentative neue Rathaus (1902), das Stadttheater (1912), der Gebäudeflügel des Land- und Amtsgerichts (1909-1912) und in Ruhrort (1908-1910) das schmucke Jugendstil-Hallenbad. "Haus Hartenfels" im Duisburger Stadtwald steht exemplarisch für repräsentative Unternehmerbauten im Stil des Späthistorismus. Bauherr ist der Stahlindustrielle Peter Klöckner.

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Noch steht die alte Ordnung, aber nicht mehr fest. Die Mehrzahl der Reichen stellen nicht mehr die Adelsfamilien, sondern die Unternehmer. Die Neuzeit schafft Aufbruchstimmung. Die Brüder Karl und Peter Strack starten 1905 zum ersten Motorflug in Duisburg. Eisenbahn, Dampfschifffahrt, Funktechnik vernetzen bereits vor 100 Jahren die Welt.

Duisburg wirkt 1914 geschäftig — an Krieg denkt niemand: Die "Elektrische Straßenbahn" und Fahrräder bestimmen das Stadtbild. Automobile sind noch Exoten. Noch dominieren Pferdefuhrwerke beim Transport. Der deutsche Kaiser (Wilhelm II.) beweist wiederum wenig Treffsicherheit bei seinen Prognosen: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung." Kolonialwarenläden, Fahrradhandlungen, Cafés und Gasthäuser sind Anziehungspunkte für Duisburger Bürger — wer es sich denn leisten kann. Markenartikel wie Maggi, Nivea und Persil dringen allmählich in die Haushalte vor, die Massengesellschaft entsteht — wenn auch mit gigantischen Unterschieden zwischen oben und unten, Arm und Reich. Im Ruhrorter Hallenschwimmbad vergnügen sich Männer und Frauen sittlich streng getrennt.

Das Duschen für zehn oder 25 Pfennig inklusive Handtuch und Seife wird ausgiebig genutzt. Vergnügen bereiten auch die Anfänge des Kinos. Die Stummfilmzeit beginnt. Viele Kinos verstehen sich als "Theater", in denen auch Filme gezeigt werden. Fast alle Kinos besitzen eine Bühne, auf denen Theateraufführungen, Varietés, Gesangswettbewerbe, Vorträge stattfinden.

Duisburg hat beachtliche Erwerbs- und Wirtschaftsverhältnisse vorzuweisen. Industrie, Handel und Gewerbe sind stetig gewachsen. Kreative Unternehmerpersönlichkeiten prägen den Wirtschaftsstandort Duisburg. Kohle und Stahl sind die dominierenden Leitbranchen und die Duisburg-Ruhrorter Häfen entwickeln sich zur Logistikdrehscheibe des Reiches. Im Hafen herrscht Hochbetrieb, Waren aus aller Welt werden entladen und deutsche Produkte in alle Welt exportiert. In Duisburg haben viele Unternehmen noch volle Auftragsbücher. Durch den raschen Bevölkerungsanstieg im Ruhrgebiet hat sich der Bedarf an Getreideprodukten vervielfacht. Duisburg gilt zu Beginn des 20. Jahrhundert als der "Brotkorb des Ruhrgebiets". Über 80 000 Erwerbstätige zählt die Statistik; rund 20 000 davon arbeiten im Dienstleistungsbereich. Eine offizielle Arbeitslosenstatistik gibt es noch nicht. Allerdings spielt das Thema ohnehin keine große Rolle, denn bis 1913 herrscht Vollbeschäftigung. Arbeitslose im Kaiserreich sind, falls sie nicht zu den wenigen gehörten, die von den Gewerkschaften oder Handwerksorganisationen unterstützt wurden, auf die Fürsorge oder Spenden angewiesen. Um Ersparnisse zu bilden, sind die Löhne — trotz 57 Stunden die Woche — einfach zu niedrig. Soziale Konflikte zwischen Arbeitern und Unternehmern bleiben in den Jahren vor dem Krieg nicht aus.

Noch 1912 bestimmen Streiks die Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit. Der letzte Streik vor dem Krieg endet am 20. März 1912 ohne durchschlagenden Erfolg. In Duisburg gestaltet sich das Verhältnis der Obrigkeit zur Sozialdemokratie weiter angespannt. Aber noch ist Frieden. Warum sollte sich das auch ändern? Duisburg hat 1914 eine Zeit beachtlichen Aufschwungs hinter sich. Die unterschwellige Kriegsgefahr ist real, aber den meisten Menschen fehlen Zeit und Vorstellungskraft, sich damit zu befassen. Verstehen kann die große Politik ohnehin kaum noch jemand. Denn Europas Staaten haben sich in einem System von Bündnissen, Absprachen und Interessenkoalitionen verheddert. Jeder verfolgt eigene Ziele und Machtinteressen.

Dann, ausgelöst durch die Ermordung des österreichischen Thronfolgers am 28. Juni 1914 in Sarajevo, eskaliert der schwelende Konflikt. Am 1. August schreibt die Presse: "Deutschland im Kriegszustand". Um den Krieg zu rechtfertigen, werden vaterländische Gefühle angesprochen. Es gibt in Duisburg keine größeren Demonstrationen gegen den Krieg. Im Gegenteil, die nationale und kriegerische Grundstimmung, die in diesen Tagen in die Stadt einzieht, wird von den meisten Bürgern geteilt. Die patriotische Begeisterung vieler Deutscher bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs findet in Duisburg ihren Niederschlag im "Kriegerdank der Duisburger Bürgerschaft", einer Spendensammlung, die bis zum 1. September 1914 die erhebliche Summe von 422 000 Mark einbringt. Einzelne Gewerkschaftler und Sozialdemokraten versuchen zwar mit warnenden Worten die Kriegsbegeisterung zu dämpfen. Gleichwohl sehen sich auch die Sozialdemokraten in der vaterländischen Pflicht.

(RP)