Markus Ambach zeigt Kunst im Düsseldorfer Bahnhofsviertel

Kunstprojekt: Abenteuer Bahnhofsviertel

Rund um den Hauptbahnhof lässt sich in diesem Sommer überraschende, kontroverse und oft politische Kunst erleben. Ein Rundgang.

Wird neben dem Hauptbahnhof gebaut? Markus Ambach ist das schon gefragt worden. Und in der Tat sieht das große Schild am Park an der Velberter Straße auf den ersten Blick aus wie eine dieser Tafeln, mit denen Investoren auf eine Baustelle hinweisen. Zu sehen ist ein würfelförmiger Neubau, wie sie gerade an jeder Ecke entstehen. Davor sind Menschen montiert, offensichtlich stammen sie aus einer Bilder-Datenbank. Erst bei genauerem Hinschauen merkt man, dass etwas nicht stimmt: Schwarze Tränen laufen aus den Augen der Figuren.

Der Künstler Jan Hoeft hat das Schild gestaltet. Immer, wenn die Sonne scheint, startet der mit Solarenergie betriebene Motor und lässt die Figuren weinen. Man kann die Arbeit verstehen als bissigen Kommentar zu moderner Wohnarchitektur. Aber sie richtet natürlich auch den Blick auf das Umfeld, auf den riesenhaften Beton-Irrgarten, den Planer in den 1980er Jahren hinter den Bahnhof gesetzt haben. Damals muss das Mode gewesen sein. Markus Ambach fragt sich: „Was wird man später über heutige Bauten sagen?“

Ambach ist der Kurator des Projektes „Von Fremden Ländern in Eigenen Städten“. Er hat Künstler eingeladen, sich mit dem Bahnhofsviertel zu befassen. Und was vielleicht noch aufregender ist: Er hat Geschäfte, Gastronomen und Kultureinrichtungen zum Mitmachen überzeugt, von einem Haman bis zum Zigarrenhaus Linzbach, von einer Table-Dance-Bar bis zur Bahnhofsmission. So erhalten Besucher zugleich einen Einblick in die – so Ambach – „Alltagskultur“ des Viertels, das mit dem Klischee-Düsseldorf von Kö und Altstadt so gar nichts zu tun hat.

Das sichtbarste und spektakulärste Werk stammt von Fotokünstlerin Katharina Sieverding. Sie hat einen 200 Meter langen Bilderfries gestaltet, der an der Fassade der Alten Paketpost vorbeiläuft. Es ist eine Zusammenstellung von Arbeiten aus vier Jahrzehnten – und natürlich das großformatigste Werk ihrer Karriere. Ebenfalls nicht zu übersehen: Über dem Eingang des Bahnhofs thront der „Beulenmann“ von Paloma Varga Weisz, ein goldener Buddha, der entrückt auf dem Vordach sitzt.

Diese und die vielen anderen Werke lassen sich auf eigene Faust entdecken (bis 19. August). Es empfiehlt sich dann, zumindest das Projektheft mitzunehmen, in dem sich auch eine Karte findet. Noch besser ist es, eine der thematischen Führungen mitzumachen. Dann erfährt man mehr zu den Hintergründen der Kunstwerke – und trifft auf Experten und Einheimische, die über die vielen Facetten des Viertels erzählen.

Zum Beispiel über das als „Maghreb-Viertel“ in die Schlagzeilen geratene Quartier am Eingang zu Oberbilk. Die Besucher eines SB-Waschsalons finden dort derzeit Knöpfe an dem Tisch, auf dem die Wäsche gefaltet wird. Damit können sie Filme des französischen Künstlers Neil Beloufa starten.

Auf dem Dreiecksplätzchen befasst sich Andreas Siekmann mit dem fehlenden Wahlrecht für in Deutschland lebende Ausländer. Er hat Wahlkabinen auf einer Hubbühne platziert, unerreichbar für die Bürger am Boden. In der Vulkanstraße hat sogar der „Box-Papst“ noch einmal geöffnet, die legendäre Milieukneipe. Pola Sieverding zeigt dort einen Film über den Betreiber Wilfried Weiser.

Der Reiz des Projekts liegt nicht nur darin, dass überraschende, kontroverse und oft politische Kunst zu sehen ist. Ambach, der sein Atelier an der Harkortstraße hat, bringt viele Akteure in Kontakt, lässt sie ihre Geschichten erzählen – und schafft so etwas wie Lokalpatriotismus in einer Gegend, über die sonst meist als Brennpunkt geredet wird. Dass das jetzt passiert, ist kein Zufall: Mehrere große Bauprojekte starten. Höchste Zeit also, über Gegenwart und Zukunft des Bahnhofsviertels zu reden – nicht zuletzt, um die nächsten Grausamkeiten der Stadtplanung zu verhindern.

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