Rundgang Kunstakademie Düsseldorf 2019: Die neue Kunst am Malen

Akademie-Rundgang in Düsseldorf : Die neue Lust am Malen

Die Kunstakademie lädt wieder zum „Rundgang“ durch ihre Flure und Ateliers ein. Die Bandbreite aktueller Kunst ist enorm. Unser Autor hat sie sich ganz genau angeschaut.

So lange ist es noch nicht her, dass raumhohe Installationen den Rundgang beherrschten. Inzwischen ist die Düsseldorfer Akademie bei der jährlichen Leistungsschau der Studenten zu ihren Anfängen zurückgekehrt. Durch Malerei ist sie berühmt geworden, mit Malerei trotzt sie heute den vielen Neuerungen, die erst die Elektronik und dann die Digitalisierung hervorgebracht haben.

Andererseits bringen sich auch die neuen Medien ins Spiel, und sei es in der Malerei. Denn ein Bild kommt selten allein. Malerei verbündet sich heute gern mit anderen Ausdrucksarten der Kunst, mit Fotografie, Video oder sonstiger Elektronik. Die Grenzen zwischen den Genres lösen sich auf.

Gut lässt sich das in den Räumen der Klasse Thomas Grünfeld verfolgen. In einer kargen, an der Wand hängenden Stoffarbeit, die wie ein olivfarbener Sack wirkt, mischen sich Malerei, Skulptur und Klanginstallation zu einem Objekt, dessen Materialien man aus dem Alltag kennt und die in neuer Zusammensetzung ein „reaktives Potential“ entfalten, wie der Künstler es nennt – eine Kraft, die „nicht sofort dekodierbar“ ist.

Nebenan führt Krystyna Fitz-Harris ebenfalls Materialien zusammen, Metall und Stoff. Was auf den ersten Blick wie eine offen stehende Umkleidekabine wirken mag, entpuppt sich in der Erklärung der Künstlerin als Akt der „Balance zwischen Menschheit und Universum“. Die Stoffbahnen nämlich, darunter eine aus weißem Tüll mit aufgesetzten Figürchen, weisen vom erdenschweren Boden hinauf in die Unendlichkeit.

Grenzenlosigkeit spielt auch in Michael Diktas altertümlichen Strommasten eine Rolle. Hoch über den Köpfen der Besucher verbinden sie durch die Zwischenwand zwei der Atelierräume, die Peter Piller als Nachfolger des ausgeschiedenen Andreas Gursky betreut.

Halb Mensch, halb Tier: eine Plastik von Lara Peters, Klasse Peter Piller. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Unter der skurrilen Stromtrasse aus Papprollen für die Masten und umgedrehten Pappbechern für die Isolatoren hat Lara Peters ein hockendes Tier mit Rastalocken platziert, das eigentlich eher wie ein Mensch aussieht. Die Künstlerin erklärt das so: Aus der Hocke kann man Tiersein erfahren und als Tier in die Natur blicken. Da sie sich selbst nicht traue, habe sie das Tier gewählt - ein Wesen aus Ton übrigens, den sie ständig nass hält, um die Lebendigkeit des Materials hervorzukehren.

Dem setzt Roman Bichsel in einem anderen Raum der Piller-Klasse sein Objekt „Smart Contract“ entgegen, einen Leuchtkasten, der einen Automaten abbildet, wie man ihn auf Bahnhöfen findet. In grellen Logos buhlen Snacks um die Kaufbereitschaft der Wartenden. Cola und Fanta, Red Bull und Capri Sun und – fast übersieht man es – Kondome und ein Schwangerschaftstest. Iga Alberska schließlich legt sechs kleinformatige Bücher vor, die das Römisch-Germanische Museum in Köln aus ungewöhnlichen Blickwinkeln und mit vielen Schattierungen, Unschärfen und Spiegelungen belichten. In der unaufgeregten Vermischung von Fotografie und anderen Genres setzt Peter Piller als Akademielehrer die Tradition von Gursky fort.

In der Klasse von Martin Gostner stellt Marina Bochert ihre Abschlussarbeit vor: Es handelt sich um eine von der Decke hängende, komprimierte Nachbildung eines menschlichen Körpers über einem Rund aus Schlamm. Sie versteht dieses plastische Bild als meditierenden Körper, der aus Schlamm geboren wurde und nun von den Bändern zusammengehalten wird, an denen er hängt.

Eine der anmutigsten Arbeiten, die der Rundgang bietet, findet sich im Atelier der Klasse Didier Vermeiren. Aus Knetmasse hat Luis Romero an die Antike angelehnte Architekturen geformt, die man als Ruinen begreifen kann, aber auch als zeitlose Modelle. Die Motive kehren ringsum wieder auf Papier und in Holz. „Verschiedene Materialien haben verschiedene Charaktere“, sagt der Künstler und fügt hinzu, dass man beim Anblick der Architekturen auch an die zugehörigen Menschen denke.

Luis Romero, Klasse Didier Vermeiren, mit Architekturformen. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Die Malerei beherrscht überwiegend die oberen Stockwerke der Akademie, setzt aber nur mengenmäßig den Schwerpunkt des Rundgangs. In Motivwahl und Komposition wirkt vieles abgedroschen, nur hier und da wird man entzückt stehen bleiben.

Zum Beispiel vor drei großformatigen Ölgemälden der Chinesin Yijie Gong. Sie hat sich von der heimatlichen Tusche auf Ölfarbe umgestellt und in mehreren Schichten Landschaften „aufgebaut“, wie sie es nennt. Grün und Blau, ihre Lieblingsfarben, mischen sich hier und da mit Orange zu betörend unscharfen Kompositionen, die im Betrachter ein Wohlgefühl wecken. Das Bild auf der rechten Seite verdankt seine Existenz dem Ausbruch eines Vulkans.

So hat der Rundgang dieses Jahres auch seine poetischen Seiten, abseits von wildem Pinseln hier und grüblerischem Umgang mit Materialien dort.

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