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Hilfe für Verwaiste Eltern in Düsseldorf: Eine Wunde, die  niemals wirklich heilen kann

Verwaiste Eltern in Düsseldorf : Eine Wunde, die niemals wirklich heilen kann

Die Evangelische Beratungsstelle in der Altstadt richtet im April eine neue Trauergruppe für verwaiste Eltern ein.

Nichts ist schlimmer für Eltern, als der Tod des eigenen Kindes. Nichts erschüttert das Leben so sehr. Wie können Betroffene mit dieser Last umgehen, wie mit diesem Schicksalsschlag weiterleben? In dieser Situation bietet die Evangelische Beratungsstelle der Diakonie Düsseldorf-Altstadt Hilfe an. In der Trauergruppe für verwaiste Eltern lernen Betroffene, Unfassbares auszusprechen, widersprüchliche Gefühle zuzulassen und ihrer Trauer Raum zu geben.

Ulrike Wewer, Pfarrerin und Leiterin der Beratungsstelle, hat schon viele Eltern auf ihrem schwierigen Weg begleitet. Im April soll eine neue Gruppe angeboten werden.Die Trauergruppen setzen sich zumeist aus acht Teilnehmerinnen und Teilnehmern zusammen. Es sind Paare und auch einzelne Elternteile. Bei manchen ist der Verlust noch ganz frisch, bei anderen liegt er schon Jahre zurück. Doch der Schmerz will nicht gehen.

In der Gruppe, sagt Ulrich Wewer, treffen sie auf Eltern, die genau wissen, wie es ihnen geht, was sie fühlen. Aber vor jeder Teilnahme wird geschaut, ob es Sinn macht, ob der Zeitpunkt schon der richtige ist. „Wir führen vorab immer behutsame Einzelgespräche“, erläutert Ulrike Wewer. Im Mittelpunkt stehe die Frage „Schaffen Sie das?“ Und die Atmosphäre in der Gruppe sei nicht immer drückend. „Es wird geweint, ja, aber es gibt ebenso Momente der leisen Heiterkeit.“

Mit dem Tod des Kindes, so die Erfahrung der Trauerbegleiterin, stellen betroffene Eltern oft ihr Leben ein. Viele ließen sich krankschreiben, sie schlafen schlecht, essen wenig, planen und unternehmen nichts mehr. Besondere Zerrissenheit erleben Eltern, die weitere Kinder haben. Für sie müssen sie als Vater und Mutter funktionieren. Hilfe von außen kann sein, wenn Verwandte und Freunde eine Struktur geben. Angebote wie „Du kannst mich jeder Zeit anrufen“ dagegen nehmen  Betroffene oft nicht wahr. Der Telefonhörer sei tonnenschwer. Besser, rät Ulrike Wewer, sei vielleicht der Satz: „Ich rufe Dich morgen an, dann kannst Du entscheiden, ob Du reden möchtest.“

Viele Freunde und Nahestehende würden das Thema, auch den Namen des Kindes oft meiden, wollten die Eltern nicht erneut daran erinnern. Dabei, sagt Ulrike Wewer, ist der Gedanke an das Kind den Eltern immer präsent, bei allem, was sie sagen und tun, zu jeder Zeit. „Es ist wie eine Tonspur, die im Hintergrund immer mitläuft.“ Verwaiste Eltern erzählten das oft. Und wenn sie sich etwas wünschten, dann konkrete Hilfe, beim Einkauf, bei alltäglichen Dingen.

Manche Eltern empfinden überdies Schuld, sagt Ulrike Wewer, ganz ohne wirklichen Grund. Sie grübelten, ob sie vielleicht dieses oder jenes hätten verhindern können. Es seien quälende Gedanken, sich von ihnen zu befreien, gelinge vielen nur sehr langsam. „Manchmal geht es einen Schritt vor, dann wieder zwei zurück.“

Das Leben mit dem Schicksalsschlag ist oft ein Leben auf Probe. Vor allem Betroffene, die ihr einziges Kind verloren haben, stellen sich die Sinnfrage. Was soll ich noch hier? Jetzt, wo nichts mehr so ist, wie es mal war. Normalität gibt es nicht mehr.  Ulrike Wewer berichtet von einer Lehrerin, die ihre Tochter nach langer Krankheit verlor. Ein Dreivierteljahr später wechselte sie die Schule. Dort wusste niemand von dem, was sie seither durchmachte. Die neue, etwas stille Kollegin wurde offen aufgenommen, herzlich begrüßt, man wünschte ihr Glück gewünscht. Nichts war anders als bei anderen, ein normaler Schulalltag. „Diese Mutter hat wie auf Probe erleben können, wie es wäre, wenn das Leben wieder so aussähe wie früher.“ Sie sei offen gefragt worden, wie es ihr gehe. Und zum ersten Mal habe sie nicht gleich von ihrer Tochter erzählen müssen. Ein erster, kleiner Schritt. Aber natürlich trage sie die Trauer um ihr Kind weiter mit sich. Diese Wunde heile oft nie wirklich.