Ein Besuch im Wasserturm des Chemparks Dormagen

Markantes Gebäude in Dormagen: Wasserturm nutzt dem Chempark – und sogar Falken

Das 1926 errichtete Gebäude ist eines der ältesten am Dormagener Industriestandort. Es dient dem Ausgleich bei Druckschwankungen.

Besucher kommen nur selten. Beim Tag des Verbandes der chemischen Industrie (VCI-Tag) schon mal, wenn der Chempark Dormagen seine Tore für die Öffentlichkeit öffnet und Einblicke ins Innenleben des großen Industrieareals gewährt. Dann wird mitunter auch eine Führung durch das Gebäude F 8 angeboten, das eines der ältesten im Chempark Dormagen ist. Hinter der Kennzeichnung verbirgt sich der historische Wasserturm, Baujahr 1926. Zur Einordnung: Als Gründungsjahr des Chemparks, der lange Zeit für alle nur das Bayerwerk war, gilt 1917; im vergangenen Jahr wurde der 100. Geburtstag gefeiert. Der Wasserturm wurde also nur neun Jahre nach der Gründung errichtet.

Das Bauwerk befindet sich nicht weit entfernt vom Zentralen Besucherempfang an Tor 10 und ist von der dort vorbeiführenden Bundesstraße 9 aus gut zu erkennen. Der Turm diene dem Ausgleich von Druckschwankungen im Betriebswassernetz des Chemparks und beinhalte eine Reserve für circa vier bis fünf Minuten, informieren zwei, die sich mit dem Gebäude und seinen Funktionen auskennen: Alexander Gora, seit Anfang April 2018 Betriebsleiter der Wasser-Ver- und Entsorgung am Standort Dormagen, und Wilhelm Derks aus dem Bereich Wasserwirtschaft für die Chemparks Dormagen, Leverkusen und Uerdingen. Wenn es im Chempark Dormagen zu einem Stromausfall käme, würde Wasser zum Anfahren der Turbinen im Kraftwerk gebraucht. Die genannte Reserve im Wasserturm besteht aus 1000 Kubikmetern Wasser, die in zwei jeweils 500 Kubikmeter fassenden und ineinander gebauten Speicherbecken im oberen Teil des Wasserturms vorgehalten werden. „Sie würde nach Stromausfall einen ‚Kaltstart’ für den gesamten Chempark ermöglichen“, sagt Gora. „Ein solcher Notfall ist aber Gottseidank bisher noch nie eingetreten“, ergänzt Wilhelm Derks. Ursprünglich lag die Kapazität des Wasserturms bei einem Speichervolumen von 1500 Kubikmetern, doch das dritte Speicherbecken in F 8 ist mittlerweile außer Betrieb.

Der Falkennachwuchs kam in einem Nistkasten am Wasserturm zur Welt, der dort seit dem Jahr 2011 angebracht ist. Foto: Stefan Schneider

„Der Standort Dormagen ist bei der Wasserversorgung weitgehend autark“, sagen die beiden Fachleute. Bayer und nun der Chempark-Betreiber Currenta leisteten die Wasseraufbereitung stets selbst. Und das will was heißen. Denn allein an Betriebswasser werden hier pro Jahr rund 110 Millionen Kubikmeter benötigt. „Das entspricht in etwa dem Bedarf, den eine Großstadt wie Köln jährlich an Trinkwasser hat“, erläutern Derks und Gora.

Die Wasserwirtschaft im Chempark ist ihr Metier: Wilhelm Derks (l.) und Alexander Gora. Foto: Stefan Schneider

Wer den Beiden ins Innere von F 8 folgt, kann wie durch eine Röhre weit nach oben schauen. Eine Treppe mit 208 Stufen windet sich hoch bis zu einer Plattform, auf der man unter den genieteten Wasserbehältern steht. Wer dort hin will, muss gut bei Puste sein – und sollte keine Höhenangst haben, wenngleich ein Handlauf an der Treppe Sicherheit bietet. Das reichte einst für einen Besucher nicht aus, der sich offenkundig überschätzt hatte. Den Weg hinauf schaffte er, für den hinunter benötigte er dann die Hilfe der Feuerwehr, erinnern sich Gora und Derks.

Ein Schild an der Außenseite gibt Auskunft über die technischen  Daten des markanten Gebäudes. Foto: Stefan Schneider

Der Wasserturm birgt auch Geheimnisse. Woher der Schaden am Mauerwerk des 31 Meter hohen Schafts aus hartgebrannten Ziegelsteinen stammt, darüber gibt es nur Vermutungen. Möglicherweise ist im Zweiten Weltkrieg ein Geschoss im Gebäude eingeschlagen. Was viele ebenfalls nicht wissen dürften: F 8 wird von Wanderfalken geschätzt. 2011 ist oben an der Außenseite ein Nistkasten angebracht worden, der von den Vögeln gerne angenommen wird. Fotos im Turm belegen das: Keck guckt der Falkennachwuchs in die Kamera.

Die Plattform unter den stählernen, genieteten Wasserbehältern. Foto: Stefan Schneider
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