Tierschutz in NRW: "Die Tiere leben in ihren eigenen Exkrementen"

Tierretter im Interview : "Fleisch essen bedeutet enormes Leid für die Tiere"

In Münster setzt sich eine Gruppe Ehrenamtler für den Tierschutz in NRW ein. Mit einer Kamera gehen sie nachts auf Bauernhöfe und in Tierfarmen und suchen nach Fällen von Tierquälerei. Christian Adam, der Leiter des Vereins, erklärt im Interview, was Tiere in NRW besonders oft ertragen müssen und wie gefährlich das Leben als Tierschützer ist.

Herr Adam, Sie leiten den Verein Tierretter. Was ist das Ziel?

Adam: Wir sind ein Zusammenschluss von Menschen, die sich für den Tierschutz einsetzen möchten. Dabei geht es uns vor allem um die Nutztierhaltung, also um alle Situationen, in denen Tiere für den Menschen ausgebeutet werden. Dafür dokumentieren wir Missstände auf Höfen und übergeben das Material an die Behörden.

Und Sie konzentrieren sich dabei hauptsächlich auf NRW?

Adam: Ja, denn wir wohnen in NRW und kennen uns hier somit auch am besten aus. Aber wir haben uns auch schon Milchställe in Thüringen oder in Niedersachsen angesehen.

Welche Formen von Tierquälerei finden Sie besonders häufig?

Adam: Das kommt immer darauf an, welche Form von Nutztierhaltung es in einer Region gibt. Im Münsterland beispielsweise gibt es recht viele Schweinemasten. Aber eigentlich kann man einfach sagen, dass es nicht einen einzigen Tierzuchtbetrieb gibt, in dem wir keine Tierquälerei vorgefunden haben.

Wie sehen diese Tierquälereien aus?

Adam: Die Tiere leben beispielsweise in ihren eigenen Exkrementen. Immer wieder findet man tote Tiere zwischen den lebendigen. Kranke Tiere werden meistens nicht separiert, sondern müssen in der Masse verharren. Oftmals verenden sie dort. In Schweineställen gibt es besonders häufig Verstöße gegen die Nutztierverordnung, denn eigentlich müssten sich die Tiere hinlegen können. Einen Teil ihres Lebens stehen sie aber in engen Kastenständen, die an sich schon Tierquälerei sind, weil die Tiere dort auf engem Raum über lange Zeit eingesperrt sind. Wenn man Bilder davon sieht, kann man sich leicht vorstellen, dass das ein Problem für die Tiere ist, auch wenn man sich nicht mit Schweinen auskennt.

Eindrücke aus einem Hühnerstall in NRW, bekommen Sie in diesem Video:

Momentan ist Weihnachtszeit, deswegen muss ich fragen: Wie steht es mit Entenzuchten?

Adam: Entenzuchten gibt es überall in Deutschland, und die Probleme sind immer die gleichen: Obwohl es Wassertiere sind, wird ihnen kein Wasser zur Verfügung gestellt. Außerdem wird die Brust extrem groß gezüchtet, weil es das Stück Fleisch ist, das am Ende auf dem Teller landet. Viele Tiere fallen wegen des Gewichts aber um, bleiben auf dem Rücken liegen und können sich nicht mehr selbständig umdrehen. Das bedeutet, die Tiere verdursten oder werden von anderen Enten tot getrampelt. Der Kadaver bleibt meist einfach liegen. Das sind Zustände, die es in jedem Bundesland gibt. Man kann nur sagen, die ganze Branche ist ein Sünder. Da ist es auch egal, ob sich 8000 Tiere in einem Stall befinden oder 50.000.

Sie stehen Mega-Ställen nicht kritisch gegenüber?

Adam: Doch natürlich. Aber heruntergebrochen auf das einzelne Tier ist das Leid immer das gleiche. Deswegen darf man eigentlich auch nicht nur den einzelnen Landwirt in die Verantwortung nehmen, sondern man muss generell die Praktik, Tiere für den Konsum auszubeuten, kritisieren. Jedes Jahr werden allein 50 Millionen Küken geschreddert. Das ist Wahnsinn. Da kann man nur sagen, Fleisch essen ist zwar Luxus für den Konsumenten, aber es bedeutet enormes Leid für das Tier.

Essen Sie denn Fleisch?

Adam: Nein. Alle unsere Mitglieder leben vegan und setzen sich dafür ein, dass Tiere als fühlende Lebewesen respektiert werden.

Eindrücke von der Netzfarm in Rahden bekommen Sie in diesem Video:

Und was machen Sie, wenn Ihnen in einem Stall Missstände auffallen?

Adam: Wir sammeln dort Film- und Tonmaterial und übergeben das häufig an die Medien. Wenn wir Verstöße gegen die Nutztierhaltungsverordnung finden, geht das Material an die Behörden.

Wie läuft eine Aktion ab bei der Sie in eine Zuchttierhaltung einsteigen?

Adam: Wir überlegen uns zunächst, um welches Thema es gehen soll. Milch, Eier oder Schlachtung - wir wollen uns allen Aspekten der Nutztierhaltung widmen, weil sie für uns alle für unnötiges Tierleid sorgen. Dann suchen wir uns die entsprechenden Höfe heraus und fahren zunächst tagsüber daran vorbei, um uns einen Überblick zu verschaffen. In einem Nachteinsatz gehen wir auf den Hof, weil wir dann im Schutz der Dunkelheit in Ruhe arbeiten können und nicht erwischt werden.

Was bedeutet denn "Sie gehen auf den Hof"?

Adam: Wir schauen, wo wir einen Zugang haben, das kann eine offene Tür oder ein anderer Zugang. Dort gehen wir rein und sehen uns die Haltungsbedingungen der Tiere an. Wie gesagt, was gegen die Tierschutzverordnung geht, geben wir an die Behörden.

Sie brechen also ein.

Adam: Also, Einbruch gibt es gar nicht. Es gibt nur den Einbruchdiebstahl und das bedeutet, dass man einsteigt, um entweder etwas zu entwenden, mit der Absicht sich zu bereichern, oder um etwas kaputt zu machen. Beides tun wir nicht. Der Landwirt kriegt im Normalfall nicht mal mit, dass wir da waren.

Dann begehen Sie aber immer noch Hausfriedensbruch.

Adam: Auch Hausfriedensbruch ist eine Sache der Auslegung. Juristisch kann man lange darüber diskutieren, wann die Privatsphäre verletzt wird. Und wenn ich in einen Stall gehe, wird meiner Meinung nach die Privatsphäre des Tieres verletzt und nicht die vom Halter. Ich muss aber sagen, selbst wenn man es so nennen wollte, wäre es mir das wert. Denn das, was wir dokumentieren, ist so viel schwerwiegender als ein Hausfriedensbruch. Deswegen werden Tierschützer in solchen Situationen auch sehr häufig freigesprochen.

Es gibt ja aber auch viele Fälle von Animal Hoarding, also Tierquälerei in Privathäusern. Gehen Sie dort auch einfach rein?

Adam: Bei Privathäusern ist das etwas anderes. Zum einen brauchen wir meistens Hinweise von Bürgern, um überhaupt von diesen Missständen zu erfahren. Zum anderen können wir dort tatsächlich nicht einfach rein und filmen. Da können wir also meist nur die Information an die Polizei weitergeben.

Was ist denn das Schlimmste, was Sie in NRW gesehen haben?

Adam: Das ist sicherlich die Nerzfarm in Rahden. Inzwischen waren wir fünf- oder sechsmal vor Ort, und die Zustände sind einfach furchtbar. Die Tiere vegetieren in sehr kleinen Käfigen vor sich und zwar nur, um geerntet zu werden, wie man sagt. Das Spezielle an dieser Farm ist auch, dass es eine der letzten sechs Nerzfarmen ist, die es in Deutschland noch gibt. Wir hoffen aber, dass auch sie bald geschlossen wird.

Sie sagen, Sie waren schon sechs mal dort. Bekommen Sie nicht irgendwann Ärger mit den Betreibern?

Adam: Im letzten Jahr habe ich zum ersten Mal eine an mich persönlich adressierte Morddrohung bekommen. Und auf der Nerzfarm in Rahden wurde ein Kollege von mir mal tätlich angegriffen. Insgesamt ist das aber nicht wirklich ein Problem, denn wir gehen jeder Konfrontation aus dem Weg.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bilder vom Tierretter e.V. - Tierleid in NRW

(ham)
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