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Ärztemangel auf dem Land: Landärzte verzichten auf Ruhestand

Ärztemangel auf dem Land : Landärzte verzichten auf Ruhestand

Immer mehr Ärzte auf dem Land müssen weit über das Rentenalter hinaus arbeiten, weil sie keinen Nachfolger finden. In vielen ländlichen Gemeinden droht eine Versorgungslücke, weil es junge Mediziner in die großen Städte zieht.

Elmar Bahlmann ist 69 Jahre alt und vom Ruhestand noch weit entfernt. Der Hausarzt aus Morsbach im Oberbergischen Kreis sucht seit fünf Jahren einen Allgemeinmediziner, der seine Praxis in dem 10 000-Einwohner-Ort übernimmt. Doch die Bewerber sind äußerst rar. "Hier gibt es kein Schwimmbad, kein Kino, bis nach Köln oder Siegen ist es rund eine Dreiviertelstunde Fahrt", sagt der Hausarzt. Die eigenen Kinder fuhren zum zwölf Kilometer entfernten Gymnasium in Wissen.

Das erscheint vielen jungen Ärzten heute unattraktiv. Sie wollen eine Vielfalt an Schulen für die Kinder, einen sicheren Arbeitsplatz für den Partner, viele Möglichkeiten zum Ausgehen. Und: "Manchen fehlt der Mut, sich selbstständig zu machen", sagt August-Wilhelm Bödecker, Hausarzt im oberbergischen Wiehl. "Wer erst einmal hier lebt, weiß, wie gut es hier ist." Bödecker ist Leiter des Schwerpunktes Allgemeinmedizin an der Universität Köln und kommt daher regelmäßig mit Medizinstudenten ins Gespräch.

Viele junge Ärzte wollten heute übersichtliche Arbeitszeiten haben, um sich der Familie widmen zu können. Auch vor dem bürokratischen Aufwand, den eine eigene Praxis mit sich bringt, scheuten viele zurück. "Es geht den jungen Leuten nicht ums Geld", sagt er. Das bestätigen die Ergebnisse eines Gutachtens des Gesundheitsforschungsinstituts Iges. Demnach locken auch höhere Honorare die jungen Mediziner nicht aufs Land.

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Genau dort - bei der finanziellen Förderung - setzen bisher aber Programme an, die junge Ärzte für einen Arztsitz in ländlichen Regionen begeistern wollen. So hat das Gesundheitsministerium NRW im Jahr 2009 das Hausärzte-Aktionsprogramm gestartet. Jährlich stellt die Landesregierung 2,5 Millionen Euro bereit. So sollen Niederlassungen, Anstellungen und Weiterbildungen von Hausärzten mit bis zu 50 000 Euro gefördert werden.

Ob diese Strategie nach den Ergebnissen des Iges-Gutachtens noch haltbar ist, dazu gab es beim Ministerium keine klare Antwort. "Das Hausärzteprogramm allein kann das Problem des Ärztemangels nicht lösen", teilte das NRW-Gesundheitsministerium mit. "Ziel des Landes ist es daher, das Programm gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren des Gesundheitswesens weiterzuentwickeln, um die medizinische Versorgung in Nordrhein-Westfalen dauerhaft sicherzustellen."

In Bödefeld im Sauerland hat der Hausarzt im Mai seine Praxis geschlossen. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe hat für einen Nachfolger in dem 2000-Einwohner-Dorf eine Förderung mit bis zu 50 000 Euro angeboten. Auch der Bürgermeister der Stadt Schmallenberg, zu der Bödefeld gehört, kündigte Hilfe an: "Wir helfen bei der Suche nach Räumlichkeiten und Personal und zeigen auch, wie lebenswert unsere Stadt und Region ist." Viele Betroffene sehen die Städte und Gemeinden am Zug. Die Kommune könne ihren Teil beitragen, indem sie für Praxisübernahmen oder -neugründungen günstige Mieten, Räume oder Umsatzgarantien anbietet, meint auch der Morsbacher Arzt Elmar Bahlmann.

Erschwert wird die Nachfolgersuche der Hausärzte auf dem Land aber noch durch einen weiteren Aspekt. In Medizinerkreisen wird die Allgemeinmedizin oftmals stiefmütterlich behandelt. "Die Reputation ist eher gering", sagt Johannes Horlemann, Hausarzt aus Kevelaer und Dozent an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. "Wer etwas auf sich hält, wird häufig Chirurg oder Kardiologe." Auch Horlemann bekommt die Landflucht derzeit zu spüren. Bis Januar betrieb er mit zwei Kollegen eine Praxis, ab Januar 2015 wird er der einzige Arzt in der Praxis sein. Der 58-Jährige ist trotz vieler Patienten und Notdiensten am Wochenende gerne Landarzt. "Dieser Beruf macht großen Spaß, der Kontakt zu den Patienten ist enger als in großen Städten." Probleme sieht er allerdings bei der unterschiedlichen Bezahlung von Ärzten in den einzelnen Bundesländern. "Für die gleiche Leistung muss bundesweit auch das Gleiche bezahlt werden." So konnte ein Hausarzt aus der Region Nordrhein im ersten Quartal 2013 pro Behandlungsfall 56,77 Euro Umsatz verbuchen, in Bayern waren es hingegen 66,38 Euro. Gespräche mit dem Bundesgesundheitsministerium gebe es bereits in diesem Punkt, teilte eine Sprecherin des NRW-Gesundheitsministeriums mit.

Elmar Bahlmann will Ende nächsten Jahres aufhören. Dann gibt es in Morsbach nur noch vier Hausärzte. Zwei von ihnen sind ebenfalls bereits über 60.

(RP)