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Düsseldorf: Familie aus Mettmann nach Flut im Hotel

Familie kommt nach Flut in Düsseldorfer Hotel unter : Zum ersten Mal wieder richtig schlafen

Familie Böckamp aus Mettmann hat erst ihren Schrebergarten durch das Hochwasser verloren, dann stellte sich heraus, dass das Wasser auch in die Wände der Wohnung eingedrungen ist. Unterschlupf bekamen die Vier mit ihrem Hund in einem Düsseldorfer Hotel.

Die Böckamps dachten, sie hätten Glück gehabt. Und das, obwohl das Hochwasser Mitte Juli den geliebten Schrebergarten der Familie komplett zerstört hat. Fast zwei Meter hoch stand das Wasser in der Kleingartenanlage Weidenau in Düsseldorf. 80 von 83 Gärten waren überschwemmt. Zurück blieben jede Menge Dreck und übel riechender Schlamm. „Der Garten war gerade erst fertig, nach jahrelanger Arbeit war alles so, wie wir es uns immer gewünscht hatten, er war voll mit Gemüse“, sagt Josefin Böckamp. Mit ihrem Mann Sven und den Töchtern Julia (15) und Lacey (8) wollte sie in den Sommerferien jeden Tag im Garten sein, einen anderen Urlaub hatten sie nicht geplant. Und trotzdem versuchte die Familie aus Mettmann zuversichtlich zu bleiben.

„Es gibt ja so viele Menschen, die alles durch die Flut verloren haben“, sagt die 39-Jährige. Tagelang arbeiteten sie im Garten, rissen schweren Herzens alles aus ihrem Gartenhaus heraus, das sie erst eingebaut hatten – und bemerkten dabei nicht, dass das Wasser längst auch in ihre Wohnung vorgedrungen war. Bis zu einem Meter hoch war es über Tage innerhalb der Wände gestiegen und hatte nach und nach alles durchnässt, irgendwann drückte es das Parkett hoch und floss aus den Zimmerecken. „Wo es herkam, weiß keiner“, sagt Sven Böckamp. Der 39-Jährige ist Lastwagenfahrer, hat oft nächtliche Liefertouren. Als seine Frau, die fast blind ist, die erste Pfütze in der Wohnung entdeckte, war er gerade mit dem Lkw unterwegs.

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Die Eigentumswohnung befindet sich in Hanglage in Mettmann, sie ist barrierefrei, liegt im Souterrain. In der heftigsten Unwetter-Nacht vom 14. auf den 15. Juli strömte das Wasser den Berg hinunter. „Das kam alles auf uns zugeschossen, es war wie ein Wasserfall“, sagt Josefin Böckamp. Das Regenwasser überschwemmte zwar die Terrasse der Familie, lief aber nach und nach ab. „Wir dachten, wir wären mit einem blauen Auge davongekommen, aber das Wasser hat sich einen Weg durch die Wände gesucht.“ Eine erste Begutachtung ergab schnell: Die 100 Quadratmeter große Wohnung ist erst einmal unbewohnbar, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 70 Prozent, an vielen Stellen kommt der Schimmel schon durch. „Für die Kleine war am schlimmsten, dass viele ihrer Spielsachen kaputt sind“, sagt Sven Böckamp. Doch die Eltern wissen längst: Sie alle müssen aus der Wohnung raus.

Hilfe kommt aus Düsseldorf. Erich Bänziger, Hotelmanager des Radisson Blu am Karl-Arnold-Platz, stellt der Familie zwei Zimmer zur Verfügung. Am Montag sind die Böckamps mit Familienhund Keks eingezogen. „Hier können sie erst einmal zur Ruhe kommen, bis Ende August können sie auf jeden Fall bleiben“, sagt Bänziger. Er war einem Aufruf des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga gefolgt, der über eine Hotline Zimmer vermittelt, die Hoteliers kostenlos für die Opfer der Flutkatastrophe anbieten. Mehr als 1000 Betten sind innerhalb weniger Tage schon zusammengekommen.

„Ich habe zum ersten Mal seit Tagen wieder ein paar Stunden am Stück geschlafen“, sagt Sven Böckamp. „Wir kümmern uns eigentlich immer selbst um alles, sind Hilfsbereitschaft gar nicht so gewohnt, das kennen wir nicht.“ Für die Mädchen sei es schwer. „Die Kleine bekommt dauernd Wutausbrüche, die Große ist ganz still geworden.“ In der Wohnung bohren Handwerker jetzt den Boden auf und versuchen, mit Trocknungsgeräten die Feuchtigkeit aus den Wänden zu bekommen. Ob und welchen Betrag die Versicherungen für die anstehende Sanierung übernehmen, ist noch unklar. In einem Wohnkomplex mit mehr als 30 Wohnungen ist die Wohnung der Böckamps die einzig betroffene. Gutachter müssen nun prüfen, woher das Wasser genau kam und wie es zu dem großen Schaden kommen konnte. „Wenn es ganz blöd läuft, bleiben wir auf allem sitzen“, sagt Josefin Böckamp. Die Eigentumswohnung haben sie erst vor zwei Jahren gekauft. „Meine Augen wurden immer schlimmer, wir brauchten eine barrierefreie Wohnung“, sagt sie. „Ich hoffe jetzt, dass wir zumindest unsere Küche retten können, wir haben sehr lange gesucht, bis wir dort alles blindengerecht zusammen hatten.“ Im Hotel findet sie sich mit Hilfe eines Stocks und ihrem Golden Retriever inzwischen ganz gut zurecht. „In vier Wochen sollte die Wohnung so trocken sein, dass wir anfangen können mit der Sanierung“, sagt Sven Böckamp. „Zimmer für Zimmer.“

Die Hotline des Dehoga für Opfer der Flutkatastrophe ist unter Telefon 0800 9886071 zu erreichen. Hoteliers, die Zimmer zur Verfügung stellen möchten, wenden sich bitte an Eull@dehoga-nr.de.