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Winzer an der Ahr haben fast alles verloren

Deutschlands größtes Rotweingebiet : Winzer an der Ahr haben fast alles verloren

170 Winzerbetriebe gibt es an der Ahr, dort ist das größte Rotweingebiet Deutschlands. Das Hochwasser hat ganze Jahrgänge weggespült. Jetzt wollen die Winzer wenigstens die Trauben retten, die noch da sind.

Wenige Tage vor der Katastrophe freuten sich die Mitglieder der größten Winzergenossenschaft in Deutschland auf die bevorstehende Arbeit. Am Montag, 12. Juli, veröffentlichen sie auf der Facebook-Seite der Genossenschaft ein Foto von den Weintrauben am Weinberg an der Ahr. Die Trauben sind noch grün und erbsengroß, durch die Blätter schimmert die Sonne. „Wir wünschen allen Winzern starke Nerven“, steht über dem Bild. Die Winzer wussten, dass der Regen kommt. Wie heftig er kommen würde, ahnten sie nicht. Tage später war das Gebäude der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr komplett zerstört.

460 Mitglieder hat die Genossenschaft – sie kommen aus Mayschoss, Altenahr und Walporzheim. Insgesamt gibt es an der Ahr rund 170 Winzerbetriebe. Manche sind klein, andere groß, einige haben sich in Genossenschaften zusammengeschlossen. „Es gibt an der Ahr keinen Betrieb, der nicht von dem Hochwasser betroffen ist“, sagt Gerd Knebel vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau. Wie hoch der Schaden ist, mag er auch anderthalb Wochen nach der Flut nicht schätzen. Aber allein der verloren gegangene Wein dürfte rund 50 Millionen Euro gekostet haben, sagt Knebel.

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An der Ahr ist Deutschlands größtes Weinanbaugebiet für Rotwein. 560 Hektar Rebfläche gibt es dort, zumeist für Spätburgunder. Die Winzer in dieser Region hat die Flut am stärksten getroffen, das Wasser hat dort fast alles mitgerissen oder beschädigt. „Es sind Geräte kaputt, Fässer, Keller sind voll, Einrichtungen und Verkaufsgebäude auch“, sagt Knebel. Der Rotwein brauche im Idealfall etwas Zeit, um im Fass zu reifen. „Die Jahrgänge 2019 und 2020 waren deswegen noch in den Fässern. Das meiste davon ist jetzt weg“, sagt er. Der Fluss hat in wenigen Stunden zwei Jahre Arbeit weggespült. Nur einige Winzer konnten etwas retten.

Auch um den Jahrgang 2021 machen sich die Ahrwinzer Sorgen. Normalerweise besprühen sie die Früchte regelmäßig, um sie vor Pilzen zu schützen. Die Witterung und der Regen haben die Trauben noch anfälliger dafür gemacht. Dabei müssen die Winzer erst alles vom Schlamm befreien, sich um die zerstörten Häuser kümmern, die Keller leerpumpen. Hinzu kommt, dass die Geräte fürs Sprühen alle zerstört oder verloren sind. Ihre Kollegen aus der Mosel und anderen Weinregionen greifen ihnen aber unter die Arme. Die Hilfsbereitschaft von Winzerkollegen und anderen Helfern sei extrem hoch, sagt Knebel, fürs Sprühen haben sie einen Hubschrauber organisiert. Das Ziel aller sei jetzt, wenigstens die Trauben zu retten, die noch da sind.

„Eine volle Ernte wird es nicht geben, aber 70 bis 80 Prozent der Früchte sind noch da“, sagt Knebel. Der Wein in der Steillage liegt hoch. So weit ist die Ahr selbst dieses Mal nicht gekommen.