Rafting in Montenegro: Durch Europas größten Canyon

Rafting in Montenegro : Durch Europas größten Canyon

Kola in (RPO). "Rechts, rechts, ja genau, und jetzt alle zusammen", brüllt Nenad-Neso in einem Mix aus Serbo-Kroatisch und Englisch gegen das Tosen des Wassers an. Der erfahrene Rafter treibt seine Mannschaft an. Vor dem Boot wirbeln Wasserstrudel, dazwischen ragen Felsen aus dem Fluss. Sechs Leute stoßen ihre Paddel in das aufgewühlte Wasser. Das wütende Rauschen und Gurgeln der Stromschnellen mischt sich mit ihrem Keuchen.

Wie ein Messer schneidet der Fluss Tara hier in die Berge Montenegros, nicht weit von der Küste Kroatiens entfernt. An der tiefsten Stelle hat sich der wilde Strom 1300 Meter in das Gebirge gegraben - und so die gewaltigste Schlucht Europas und nach dem Grand Canyon in den USA die tiefste der Welt geschaffen.

Glasklar und türkisblau schlängelt sich der rund 140 Kilometer lange Fluss durch die Berge Montenegros, von der Quelle im Komovi-Gebirge an der Grenze zu Albanien bis nach Norden, wo er sich am Rande Bosniens mit dem Fluss Piva mischt. Nur wer sich in ihren bisweilen tückischen Strom wagt, kann der Tara wirklich nahe kommen. Denn ihre Ufer liegen fernab aller Straßen tief in der Schlucht. Nur an wenigen Stellen führen Wege hinab ans Wasser.

Hier befinden sich die Lager der Rafter. Geschäftiges Treiben herrscht am steinigen Ufer nahe des Orts Splaviste: Neoprenanzüge werden übergestreift, Proviant in Plastiksäcke verpackt, Boote und Floße zu Wasser gebracht. "Alle mal anpacken", ruft Miki und beginnt, das Schlauchboot vom Dach seines Geländewagens loszumachen. Seit 13 Jahren bringt der Montenegriner Abenteurer in die Schlucht.

"Die ersten paar Kilometer haben viele Stromschnellen und Felsen - da heißt es paddeln", sagt Miki. Später werde der Canyon ruhiger und breiter, um dann auf den letzten 15 Kilometern vor der Grenze zu Bosnien noch einmal gefährlich zu werden. "Im Sommer können auch Anfänger auf dem Fluss reiten", sagt Miki. "Aber im Frühling und Herbst ist Rafting auf der Tara nur etwas für Profis und Adrenalin-Junkies".

Vor der Jugoslawienkrise war Montenegro ein Tummelplatz für Schöne und Reiche aus Ost- wie Westeuropa, nach dem Bürgerkrieg touristisches Niemandsland. Es folgten Jahre der Goldgräberstimmung, verbunden mit blinder Bauwut: Russische Investoren überzogen die Küste mit grauen Betonburgen, dazu schossen überall illegal gebaute Bauten aus dem Boden. Heute ist der große Boom der Nachkriegsjahre wieder vorbei, doch zur Hauptsaison sind die Strände voll.

Das gebirgige Hinterland Montenegros war und ist dagegen ein Ziel für Abenteurer geblieben. Dabei ist Montenegro kleiner als Schleswig-Holstein. Gerade einmal drei Stunden sind es vom Strand bis in die Berge nach Kola¨in. Am Vormittag im Meer schwimmen und am Nachmittag Ski fahren? In Montenegro theoretisch möglich.

Doch die 120 Kilometer von der Adria-Küste ins wilde Gebirge haben es in sich. In steilen Serpentinen schlängeln sich die Straßen kurz hinter Podgorica in die Berge hinein. Immer wieder liegen Felsbrocken auf der Fahrbahn, die Leitplanken sind rostig braun, und manchmal sind die gähnenden Abhänge am Straßenrand vollkommen ungesichert.

Den Montenegriner kümmert das alles nicht. Das Handy am Ohr, orientalisch-fröhliche Balkan-Musik im Radio und den Fuß konstant auf dem Gaspedal rast er die engen Straßen hinauf und überholt selbst in den steilsten Kurven. Die Polizei, chronisch unterbezahlt und dafür hochmotiviert, versteckt sich hinter zahlreichen Wegbiegungen, um den Tollkühnen Herr zu werden. Doch die warnen sich gegenseitig fürsorglich mit Lichtzeichen - und rasen weiter.

Kreuze mit Plastik-Blumen in grellen Farben und kitschige Bilderrahmen mit den Porträts junger Frauen und Männer zeugen von den vielen Unfällen auf den Bergstraßen. Überall auf den Felsen bieten in krakeliger Schrift "Auto Slep", Autoabschleppdienste, ihren Service an. Unbeeindruckt vom Kamikaze-Verkehr grasen Pferde direkt neben den Straßen, Kinder treiben mit Ruten Kühe die steilen Abhänge hinab. Ausgebrannte Autowracks heben sich schwarz vor der Gebirgskulisse ab.

Einheimische nennen Montenegro "Crna Gora", "schwarzer Berg". Dabei sind die höchsten Gipfel weiß getupft von Schneefeldern, weiter unten bedecken saftig grüne Wälder die Hänge. In der klaren, kalten Bergluft hängt der Geruch von Grillfleisch, und immer wieder zieht einem auch der beißende Rauch von brennendem Plastik in die Nase. Wilde Müllkippen sind in Montenegro überall zu finden, selbst in den dünn besiedelten Bergen.

Dabei hat sich der seit 2006 unabhängige Staat Umweltbewusstsein groß auf die Fahnen geschrieben. Der "erste ökologische Staat" will Montenegro sein. Der Schutz von Umwelt und Natur steht als Staatsziel in der Verfassung des Landes. "Unser Land auf Ökotourismus umzustellen, ist die Zukunft für Montenegro", sagt Miki. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Miki prescht schon mal vor. Wer mit ihm eine mehrtägig Rafting-Tour durch die Tara-Schlucht macht, wird mit Essen aus Eigenproduktion versorgt: Bio-Kartoffeln, selbst hergestellter Kajmak - ein cremiger Frischkäse - Eier, Fisch und natürlich Rakija, der selbstgebrannte Pflaumen- und Apfelschnaps.

Abgefüllt in eine Zwei-Liter-Plastikflasche und sicher verstaut in einem wasserfesten Sack, ist der Rakija auch auf der Tara-Tour der sechs Freunde dabei. Das Boot auf einer Kiesbank geparkt, pausieren die Männer an Land. Mit einem großen Messer werden dicke Scheiben Brot abgeschnitten, dazu gibt es deftigen Speck und immer wieder einen großen Schluck Rakjia. Mut antrinken für den weiteren Teufelsritt auf der Tara.

Als bei der Weiterfahrt am rechten Ufer eine weiße, christlich-orthodoxe Kapelle auftaucht, verstummen Montenegriner wie Russen schlagartig. Eben noch haben sie feixend gelacht, als sich über einen von ihnen und seinen Fotoapparat eine Wasserfontäne ergossen hat, jetzt sitzen sie alle ernst dreinblickend mit gebeugten Köpfen im Boot und bekreuzigen sich leise murmelnd. Der Segen Gottes kann ja nicht schaden beim Ritt durch die Tara-Schlucht.

(tmn)
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