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Luzern: Sensibler Maestro: Claudio Abbado 80

Luzern : Sensibler Maestro: Claudio Abbado 80

Der italienische Star-Dirigent wurde heute von 80 Jahre in Mailand geboren. Er hat alle großen Orchester der Welt geleitet, mehrere Jahre war er Chef der Berliner Philharmoniker. Jetzt ist Luzern sein Lebensmittelpunkt.

Im Alter legt der Mensch angeblich Wert auf höhere Prinzipien: Kollegialität, epikureische Gelassenheit, Freundschaft. Das stimmt zwar, aber mancher bleibt der Zwicker und Nörgler, der er immer war. Claudio Abbado hat keine Wandlung durchgemacht — und dass er überhaupt geblieben ist, wo er doch eine der schwersten Krankheiten bekämpfen musste, ist schon ein Wunder. Um so größer ist die Freude, ihm heute gratulieren zu können, da er 80 Jahre alt wird.

Abbado hat sich vor Jahren mit dem Lucerne Festival Orchestra oder dem Orchestra Mozart eigene Orchester geschaffen. Unklare Personalien sind ihm ein Graus, am liebsten musiziert er auf emotionaler Augenhöhe, und hinter den Musikerpulten sind keine Giftpfeile verborgen.

Trotzdem ist Abbado nicht zum Serenissimus geworden, sondern hat sich sein skeptisches Gemüt bewahrt. Werden Bilder von ihm gemacht, kann sich die Freigabe durch den Maestro zum langwierigen Hindernislauf entwickeln. Seine Eitelkeit ist sprichwörtlich und soll mit dem Alter, so hört man, nicht dezenter werden. Zum Typus des Nervös-Launischen passt auch Abbados Neigung, Programme aus angeblich dramaturgischen Gründen in letzter Minute zu ändern.

Claudio Abbado stammt aus Mailand, der musikalischen Weltstadt, in der auch jenseits der Scala die Welt voller Verdi und Puccini ist. Später hat er stets betont, wie befruchtend die eigene Kinderstube für ihn war — der Vater ein sehr guter Geiger, die Mutter Klavierpädagogin und Kinderbuchautorin). Dieses heimische Klima eines tönenden Alltags, der von Poesie und Phantasie durchflutet war, beförderte das Talent des jungen Musikers ideal.

Mit 16 Jahren war er reif fürs Konservatorium, aber es wurde eben kein Schmalspur-, sondern ein Breitbandstudium. Orchesterleitung stand erst spät auf dem Stundenplan, anfangs bevorzugte er neben dem Klavier das Fach Komposition, als wolle er die Grundlagen des Machens von der Pike auf lernen. Dieses Wissen machte sich Abbado später zunutze, als er zu Werken seines Landsmanns Luigi Nono aufbrach. Auf der anderen Seite dieser Zuwendung zu den polyphonen Texturen der Musik stand seine mehr als liebhaberhafte Beschäftigung mit den Orgelwerken Bachs. Seine erste Opernaufführung fand mit einem gewissen räumlichen und stofflichen Sicherheitsabstand statt — es war "Die Liebe zu den drei Orangen" in Triest. 1958 gewann er den Koussevitzky-Wettbewerb in Tanglewood. Von 1961 an dirigierte er an der Scala. Die weiteren Stationen sind bekannt: Mailand, Wien, London, Berlin.

Die Arbeit war stets inspiriert, aber Abbado kein einfacher Chef. Und dann hielt es Abbado mit dem unter Dirigenten häufigen Pragmatismus, die intensivsten Kräfte erst in der Aufführung wirken zu lassen, um einen Aufmerksamkeitsverlust zu verhindern. Das führte in seinen Jahren bei den Berliner Philharmonikern zu Reibungen, die seine Demission zur Folge hatten.

Allzu expressives Musizieren, womöglich mit einem Zug in den Exhibitionismus, war seine Sache nie; und natürlich führte seine vorsichtige Sorgfalt auch zu Engpässen in der Kreativversorgung. So wird seine "Macbeth"-Aufnahme trotz imperialer Sängerbesetzung der absurd-brandigen Stimmung des Stücks nur eingeschränkt gerecht. Doch bei Mahler war und ist Abbado neben Kubelik, Bernstein, Walter und Barbirolli bis heute einer der Leuchttürme — vorbildlich in der Ausleuchtung polyphoner Verläufe, aber auch exemplarisch in der Reise zu den Prozessen dieser Musik. Die Dritte mit den Lucerne Festival Orchestra ist ein Glücksfall aus Inspiration und Harmonie. Wenn man einer Aufführung Abbados das Glück anhört, seine Krebserkrankunng endgültig überwunden zu haben — dann ist es diese.

Als Begleiter gibt es sowieso keinen Besseren als ihn. Allein bei den Pianisten mit hinreißenden gemeinsamen Platten: Pollini, Serkin, Gulda, Argerich, Pogorelich, Pires — so viele Koryphäen können sich unmöglich irren. Was sie alle an Claudio Abbado schätzen? Die Gelassenheit und die Freundschaft. Aber auch sein Nörgeln.

(RP/gre)