Drama "Ich & Orson Welles": Liebhaber mit Star-Allüren

Drama "Ich & Orson Welles" : Liebhaber mit Star-Allüren

(RP). Der Regisseur Richard Linklater hat ein Talent dafür, Geschichten aus der Zeit des Übergangs zu erzählen. In "Before Sunrise" ließ er 1995 die Zufallsbekanntschaften Julie Delpy und Ethan Hawke ihre Zugfahrten unterbrechen und eine Nacht in Wien spazieren gehen und reden. Dann kehrten sie zum Bahnhof zurück und fuhren in unterschiedlichen Richtungen in die Zukunft. Liebe ist ein vages Versprechen, lernt man bei Linklater, und zumeist sind die Bedingungen nicht danach, dass es erfüllt wird.

(RP). Der Regisseur Richard Linklater hat ein Talent dafür, Geschichten aus der Zeit des Übergangs zu erzählen. In "Before Sunrise" ließ er 1995 die Zufallsbekanntschaften Julie Delpy und Ethan Hawke ihre Zugfahrten unterbrechen und eine Nacht in Wien spazieren gehen und reden. Dann kehrten sie zum Bahnhof zurück und fuhren in unterschiedlichen Richtungen in die Zukunft. Liebe ist ein vages Versprechen, lernt man bei Linklater, und zumeist sind die Bedingungen nicht danach, dass es erfüllt wird.

Auch der 17-jährige Richard ist ein Wesen des Übergangs. Die Hauptfigur in Linklaters neuem Film "Ich & Orson Welles" ergattert durch Zufall und mit viel Chuzpe eine Rolle in Shakespeares "Julius Cäsar". Es ist 1937, und in den Theatern am Broadway kündigt sich das Ende der Depression an, dort geht es liberaler zu als im Rest von New York. Richard verliebt sich in die Sekretärin des Mercury Theaters, sie schäkern, und es läuft gut. Aber Erfüllung gibt es nicht, denn da ist ein Konkurrent, es ist der Chef — und also stärker.

Der Mann, der auf dieser Bühne das Sagen hat und um den es auch in diesem feinen, aber harmlosen Film geht, heißt Orson Welles. Wir treffen ihn zu Beginn seiner Karriere. Welles hat noch nicht "Citizen Kane" gedreht, den Film, den heute noch viele für den besten überhaupt halten. Er hat noch nicht das Hörspiel "Krieg der Welten" produziert, das einige Radio-Hörer denken ließ, Außerirdische griffen nun tatsächlich an. Aber Welles ist bereits der diabolische Charmeur, er ist arrogant, witzig und egozentrisch.

Ort der Reifung

Linklater hat für die Rolle des Orson Welles die ideale Besetzung gefunden. Christian McKay spielt den Charismatiker perfekt, mit einem Stich ins Sardonische. Teenie-Idol Zac Efron ("High School Musical") wurde als junger Draufgänger Richard verpflichtet und Claire Danes als Sekretärin Sonja. Richard entwickelt Star-Allüren, er fordert zu viel und bekommt eine Lektion. Die Bühne wird für ihn ein Ort der Reifung, er wird die Zeit dort nicht vergessen, das ahnt man am Ende, doch zurückkehren wird er auch nicht.

"Ich & Orson Welles" ist Historienfilm, Heldengeschichte und Kino-Nostalgie. Welles inszenierte damals wirklich Shakespeare am Mercury Theater, der Kern ist also wahr, der Rest des Geschehens indes ausgedacht. Zu den Stärken des Films gehört die Beschreibung der Atmosphäre hinter der Bühne. In sanften Farben illustriert Linklater die Zeit des New Deal. Schauspieler träumen von Engagements in Hollywood. Jeder möchte irgendwo hin. Der Name David O. Selznick, der Produzent von "Vom Winde verweht", geistert durch die Kulissen; auch Sonja hofft auf ein Vorsprechen.

Man schaut sich das gern an, aber für knapp zwei Stunden Länge ist die Geschichte dann doch zu brav. Es fehlt die Dramatik der Verwicklungen, leiden muss hier niemand, und am Ende sind alle nett zueinander.

Bewertung: von 5 Sternen

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(RP)