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Filmkritik "Contra" von Sönke Wortmann

„Contra“ : Fremdenfeindlichkeit im Hörsaal

Christoph Maria Herbst wird als Jura-Professor ausfällig: „Contra“ von Sönke Wortmann ist ein clever inszeniertes Drama über Rassismus auf dem Campus.

Als die Tür zum Hörsaal krachend ins Schloss fällt, unterbricht Professor Richard Pohl (Christoph Maria Herbst) seine Ausführungen. „Sie sind zu spät“ sagt er zu Naima Hamid (Nilam Farooq), „in meinem Kulturkreis bedeutet Pünktlichkeit noch etwas“. Souverän mit dem Headset im Saal stehend stellt der Jurist die Erstsemestlerin zur Rede, ohne sie wirklich zu Wort kommen zu lassen. Der erste Vorlesung an der Uni wird für Naima zum Desaster.

Die Studentin mit marokkanischen Wurzeln träumt davon, Rechtsanwältin zu werden, um für sich und ihre Familie eine sichere Existenz jenseits von Bleiberecht und Mindestlohnjobs aufbauen zu können. Aber schon am ersten Tag hat der ältere Bruder Junis (Mohamed Issa), der auf den jüngeren Bruder Abu (Cristiano Papasimos) aufpassen sollte, sie hängen lassen, weshalb sie zu spät zur Vorlesung kommt. Vor über hundert Studierenden macht Pohl Naima zur Schnecke und spart dabei nicht mit fremdenfeindlichen Auslassungen.

Natürlich zückt einer zur Beweissicherung das Smartphone. Das Video erreicht online beträchtliche Klickzahlen, und der Dozent wird vom Präsidenten (Erich Stötzner) einbestellt. Ein Disziplinarverfahren sei unvermeidlich, eröffnet der Chef dem langjährigen Mitarbeiter, und seine universitäre Karriere sein nun womöglich am Ende. Um vor dem Ausschuss besser dazustehen, soll Pohl als Zeichen der Läuterung „die kleine Araberin“ auf einen bundesweiten Debattierwettbewerb vorbereiten und damit auch das multikulturelle Prestige der Universität steigern. Widerstrebend nimmt Pohl den Auftrag an, und auch Naima willigt schließlich ein, sich von dem arroganten, alten, weißen Mann unterrichten zu lassen, der eben auch ein begnadeter Rhetoriker ist.

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Einen Culture-Clash im akademischen Milieu inszeniert Sönke Wortmann in seinem neuen Film „Contra“. Wie schon zuletzt in „Der Vorname“ dient Wortmann hier ein französischer Film als Vorlage. In Yvan Attals „Le Brio“, der vor drei Jahren als „Die brillante Mademoiselle Neïla“ in die deutschen Kinos kam, spielte Daniel Auteuil den selbstgefälligen Akademiker, durch dessen Adern die ganze Überheblichkeit der französischen Bourgeoisie zu fließen schien. Wortmann und Drehbuchautor Doron Wisotzky bleiben mit ihrem Remake sehr nahe am Original, passen Handlung, Charaktere und Atmosphäre jedoch absolut schlüssig an deutsche Verhältnisse an.

Besonders gelungen ist der Kontrast zwischen den heiligen Hallen der ehrwürdigen Frankfurter Goethe-Universität und dem Hochhausviertel, in dem Naima mit ihrer Familie lebt. Hier zeigt sich erneut Wortmanns Gespür für soziale Milieus, die mit Neugier und Empathie erkundet statt in Klischees ertränkt werden. Im Vergleich zur Vorlage erscheinen in „Contra“ die Ecken und Kanten etwas abgerundeter. Dennoch entwickelt das Aufeinanderprallen des unbescheidenen Rhetorik-Professors und der aufgeweckten Studentin mit Brennpunkt-Erfahrung auch im deutschen Format eine interessante Dynamik.

Hierbei geht es weniger um den Handlungsverlauf, der von der ersten „Faust“-Deklamationen in der Fußgängerzone bis hin zu den Wettbewerbserfolgen der Dramaturgie eines klassischen Sportfilms folgt, sondern um die Zwischengespräche, in denen sich in Schopenhauer-Diskurse auch der Streit um Chancengleichheit, sozialen Status und strukturellen Rassismus in Deutschland mischt.

Christoph Maria Herbst, der ja in letzter Zeit eine gewisse Omnipräsenz im deutschen Film entwickelt, ist perfekt besetzt in der Rolle des privilegierten Akademikers, der sich in der Rolle des Zynikers eingerichtet hat. Absolut auf Augenhöhe steht ihm die junge Nilam Farooq gegenüber, die ihre Figur mit funkelnder Intelligenz und Seelenwärme auskleidet. Die gut funktionierende Chemie der beiden bildet das Herz des Filmes, der im durchaus gefälligen Mainstream-Format für die Freuden einer Streitkultur wirbt, die über den eigenen Tellerrand hinaus auf Entdeckungsreise geht.

Contra, Deutschland 2020 – Regie: Sönke Wortmann, mit Nilam Farooq, Christoph Maria Herbst, Ernst Stötzner, 103 Min.