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Links und Rechts kämpfen um das „Volkshaus“

Hilden : Links und Rechts kämpfen um das „Volkshaus“

Treffpunkt, Kneipe, politischer Kampfplatz: Das Jugendstil-Haus mit dem markanten Türmchen hat eine bewegte Geschichte. Hier sind sieben Fakten zu der prominenten Ecke, die Sie vielleicht noch nicht kennen.

1) Auf dem Weg nach Benrath lädt bereits 1851 die Gaststätte „Zur Postbrücke“ an der Benrather Straße Durchreisende zur Rast ein. Im Erdgeschoss eines Fachwerkhauses ist ein Pferdestall mit Speisesaal darüber. Weil der Inhaber auch Schuhmacher war, heißt das Lokal bei den Hildenern „Zum schmierigen Stiefel“. Einem Brand 1887 fallen auch Turngeräte zum Opfer, die der Hildener Turnverein HAT 1864 dort lagert. Um die Jahrhundertewende wird das Fachwerkhaus durch den Jugendstilbau mit dem markanten Türmchen ersetzt.

2) Am 1. Juli 1920 übernimmt die Genossenschaft „Volkshaus“ die Gaststätte von Franz Pestka als Vereinshaus für Gewerkschafter und Arbeiter aus der Umgebung. Im März 1920 gründet sich die Vereinshausgenossenschaft „Volkshaus eGmbH“. Sie kaufte das Grundstück mit dem Gebäude Benrather Straße 20 (Ecke Berliner Straße/früher Apfelstraße). Die gleichnamige Gaststätte mit Vereinszimmer und großem Saal (heute Kino) war ein viel besuchter Ort für Veranstaltungen und Versammlungen der SPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Gewerkschaften in Hilden. Im Vorstand der Genossenschaft geraten Vertreter von Sozialdemokraten und Kommunisten aus ideologischen Gründen bald verbal, schließlich auch handgreiflich aneinander. Bei einem Streit um ein kommunistisches Wahlplakat am „Volkshaus“ werden am 13. September 1930 zwei SPD-Mitglieder verletzt. Am 7. November 1930 greifen Mitglieder der NSDAP Hilden das Parteilokal der KPD an und beschädigen es von außen. Bei einer Protestkundgebung der KPD gegen den Nazi-Terror zwei Tage später kommen an einem „Blutsonntag“ zwei Menschen in Hilden ums Leben.

 Der ehemalige Versammlungsaal des Volkshauses wird zum Kino. Das Corsa-Kino wird 1963 zum „Lux“.
Der ehemalige Versammlungsaal des Volkshauses wird zum Kino. Das Corsa-Kino wird 1963 zum „Lux“. Foto: Stadtarchiv Hilden
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3) Anfang der 1930-er Jahre überfallen die Nazis dieses Zentrum der Arbeiterschaft in Hilden mehrfach. Dabei gibt es Tote und Verwundete. Im Herbst 1932 tritt die SPD aus der Genossenschaft aus und überlässt das „Volkshaus“ endgültig der KPD. Das Gebäude erhält Polizeischutz, dazu organisieren die Genossen einen eigenen Wachdienst. Nach der Machtübergabe an Hitler, stürmt die SA unter Schüssen das Gebäude und zertrümmert die Einrichtung.

 Die Eigentümer des Volkshauses werden gezwungen, an einen NSDAP-Parteigenossen zu verkaufen.
Die Eigentümer des Volkshauses werden gezwungen, an einen NSDAP-Parteigenossen zu verkaufen. Foto: Stadtarchiv Hilden

4) Anfang 1933 wird der bisherige Eigentümer des Volkshauses gezwungen, das Anwesen weit unter Preis an einen Mittelsmann und NSDAP-Parteigenossen Richard Fischer (Gaststätte „Zur Gabelung“) zu verkaufen. Er eröffnet dort wenig später das „Deutsche Haus“, das die Nazis zu ihrem Parteilokal machen. Von dort aus werden in der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 die Überfälle auf Hildener Juden organisiert, bei denen sechs Hildener Bürger (ein Opfer war nichtjüdisch) von SA-Banden ermordet werden. Ein siebtes Opfer, die Ehefrau eines Ermordeten, nimmt sich am Heiligabend 1938 das Leben.

5) Im Oktober 1945 entzieht der Düsseldorfer Landrat dem Nazi-Wirt Richard Fischer die Konzession. Fischer verpachtete an Anton Lochner, der dort - so schließt sich der Kreis - wieder die Gaststätte „Postbrücke“ einrichtet. Nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur kämpfen die Anteilseigner der „Volkshaus eGmbH Hilden“ vor Gericht um Wiedergutmachung und haben schließlich im September 1951 Erfolg. Sie bekommen ihr Eigentum zurück.

6) Aus wirtschaftlichen Gründen wird die Vereinshausgenossenschaft 1958 in die neu gegründete Grunderwerbsgesellschaft mbH Hilden mit 21 Gesellschaftern und 44 000 Mark Stammkapital überführt. Sie überlassen verschiedenen Pächtern Gastronomie, Kneipe und Kino.

7) Die 18 verbliebenen Gesellschafter der Grunderwerbsgesellschaft mbH kommen am 9. November 2007 zum letzten Mal zusammen. Sie haben sich einen geschichtsträchtigen Tag ausgesucht, um ein Kapitel der Hildener Arbeiterbewegung würdig zu beenden. Die Grunderwerbsgesellschaft verkauft die Häuser Benrather Straße 20 und Berliner Straße 2, 4 und 6 und löst sich 2008 auf. Die allermeisten der verbliebenen 18 Gesellschafter sind damals bereits über 70 Jahre alt. Niemand habe mehr die ehrenamtlichen Aufgaben der Geschäftsführung übernehmen wollen, für die es nur eine kleine Aufwandsentschädigung gegeben habe.