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"Squid Game": Ist die Gewalt in der Netflix-Produktion gerechtfertig?

Netflix-Serie „Squid Game“ : Fließt zurecht das Blut in Strömen?

Die Netflix-Produktion „Squid Game“ feiert weltweit Erfolge. Vor allem wegen ihrer expliziten Gewaltdarstellung steht die Serie jedoch immer wieder in der Kritik. Ist sie gerechtfertigt?

Als bei „Squid Game“ zum ersten Mal ein Schuss die Stille zerreißt, wird wenig gezeigt. Ein Mann kippt nach vorne, bleibt regungslos im Sand liegen. Kein Blut ist zu sehen, kein Schrei zu hören. Das wird sich jedoch schnell ändern.

Klar ist an diesem Punkt schon längst, dass bei der Netflix-Serie etwas nicht stimmt: 456 Menschen sollen um die absurd hohe Summe von umgerechnet rund 33 Millionen Euro spielen. Maskierte Wächter haben jeden ihrer Schritte im Blick, der Schlafsaal gleicht einem Gefängnis. Und als die Protagonisten plötzlich auf dem grotesken Spielfeld einer riesigen Puppe gegenüberstehen, wird die Unberechenbarkeit dieses Ortes überdeutlich. Hier scheint alles passieren zu können; und tatsächlich folgt das Schlimmste.

Als der erste Teilnehmer zu Boden sackt, hält sich Regisseur Hwang Dong-hyuk noch mit seiner Gewaltdarstellung zurück. Er lässt offen, ob der Mann wirklich gestorben ist oder nicht. Ein letzter Moment der Ungewissheit. Nur Augenblicke später gehen seine Figuren durch die Hölle. Mit tödlicher Präzision wird auf jeden geschossen, der sich bewegt. Die Kamera fängt die Treffer aus nächster Nähe ein, nimmt sich Zeit, den Tod zu zeigen. Begleitet wird die grausame Szenerie von Frank Sinatras euphorisch, romantischer Liebeserklärung „Fly me to the moon“. Eine perfide Diskrepanz zwischen Bild und Ton.

Den Zuschauer treffen diese expliziten Eindrücke mit Wucht, machen ihm unmissverständlich klar: Ein Menschenleben ist an diesem Ort wenig wert. Das wird auch in den anschließenden acht Folgen der Serie deutlich gezeigt, nicht selten über ästhetische Aufnahmen, die das Sterben stilsicher in Szene setzen. Eine durchaus fragwürdige Darstellung. Und in einigen Momenten droht die Grenze hin zur Glorifizierung oder Normalisierung von Brutalität zu verschwimmen. Blut fließt in Strömen, oft sind Leichen Teil der Bildkomposition.

Ob es gerechtfertigt ist, dass der Regisseur zu solchen Mitteln greift, um seine Botschaft zu transportieren, ist diskutabel. Doch die gezeigte Gewalt hat aus cineastischer Perspektive Berechtigung: Jede Geschichte braucht eine Fallhöhe für ihre Figuren. Ein Hindernis, das sie überwinden müssen, um ihr Ziel zu erreichen. Und damit verbunden: Die Möglichkeit zu versagen und die Folgen zu tragen. Letztere führt „Squid Game“ explizit vor Augen, macht die allgegenwärtige Gefahr greifbar. Diese zentrale Aussage wird konsequent in Bilder umgesetzt. Protagonisten und Zuschauer gleichermaßen vergessen also nie, was auf dem Spiel steht.

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Das ist für den wohl wirkungsmächtigsten, weil tragischsten Aspekt der Serie umso wichtiger. Die gesichts- und skrupellosen Ausrichter der Spiele zwingen niemanden, sein oder ihr Leben zu riskieren. Von 201 noch lebenden Teilnehmern kehren 187 freiwillig zurück in das moderne Kolosseum, obwohl dessen Erde bereits mit dem Blut der „Disqualifizierten“ getränkt ist. Eine eigentlich unvorstellbare Entscheidung. Doch Hwang Dong-hyuk vollbringt das Kunststück, seine Figuren diesen Schritt glaubhaft gehen zu lassen.

Wenn der Migrant Ali Abdul verzweifelt um Lohn bettelt, um seine junge Familie ernähren zu können oder Hauptcharakter Gi-hun so hilflos durch seinen Alltag stolpert, dass sogar die kleine Tochter Mitleid hat, wird klar: Viele der Teilnehmer haben keine Perspektive mehr, sind in ihrer Lebensrealität gefangen. Das unmenschliche Spiel bietet ihnen wenigstens eine Chance. Der scheinbar einzige Ausweg führt für diese Menschen über Leichenberge – deutlicher kann eine Kritik an Gesellschaft und Politik wohl kaum formuliert werden.

Die ausufernde Brutalität bedroht aber nicht nur das Leben der Protagonisten, sondern auch ihr Seelenheil. Für das eigene Ziel und Überleben wird der Tot anderer in Kauf genommen, die in ähnlich verzweifelter Lage sind. In ihren starken Momenten treibt die Serie dieses moralische Dilemma auf die Spitze. Dann wird es fast unmöglich, eine Entscheidung als „richtig“ oder „falsch“ zu bewerten. Gewalttaten verleiht das eine enorme emotionale Tragweite. Der Leinwandtod ist leichter mit anzusehen, wenn man klar zwischen schwarz und weiß unterscheiden kann.

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Diese Dynamik entsteht in „Squid Game“ jedoch selten. Die bösen Handlanger und Strippenzieher bleiben böse, skrupellose Spielteilnehmer, sie töten und betrügen fast ohne Zögern. Die Moralfrage weicht hier dem klaren Rollenbild. Dadurch verliert die Brutalität an Gewicht, gehört zum Verhalten bestimmter Gruppe einfach dazu.

Dieses Phänomen ist in vielen Filmen und Serien zu beobachten. James Bond etwa kann nicht nur ein Gentleman, sondern auch ein Killer sein. Hinterfragt wird das aber kaum. In Thrillern wie „Taken“ oder „John Wick“ verlieren zahlreiche Menschen im Namen der Selbstjustiz ihr Leben. Und selbst die Superhelden von „Marvel’s The Avengers“ müssen sich vergleichsweise selten mit ihren Gewalttaten auseinandersetzen, die sie auf dem Weg zum Happy End begleiten.

Damit einhergehend wird die Darstellung von Brutalität auf der Leinwand immer expliziter. Die Rede ist nicht von überzeichneter Gewalt als Stilmittel, an dem sich etwa Regisseur Quentin Tarantino gerne bedient. Vielmehr geht es um die erhöhte Frequenz von konsequent gezeigter Härte. Auch in Filmen, die mit FSK 12 bewertet wurden wie „Captain America: The Winter Soldier“, tut es weh die Auseinandersetzungen zu sehen, aber eben nur kurz.

Diese Beiläufigkeit schafft „Squid Game“ dank seiner Inszenierung in Momenten zu überwinden. Gleichzeitig ist die Serie aber auch ein Zeugnis ihrer Zeit. Schon Jahre zuvor haben Produktionen wie „Game of Thrones“ blutige Szenen salonfähig gemacht. Ohne diese Exzesse scheint es seitdem nur schwer zu gehen. Ob das aus filmischer Perspektive berechtigt ist oder kritisiert werden muss, bleibt eine Frage des Blickwinkels. Bei „Squid Game“ ist das nicht anders.