Dramatisch häufig: Adipositas

Dramatisch häufig: Adipositas

Hat man da noch Appetit? Weltweit sind 170 Millionen Kinder übergewichtig; allein in Deutschland sind es 1,9 Millionen. Während das Märchen von den schweren Knochen mittlerweile niemand mehr glaubt, hält sich das Gerücht hartnäckig, "das Kind habe es an den Drüsen".Traurige Tatsache ist hingegen, dass ein nicht unbedeutender Anteil aller adipösen Kinder aufgrund von Angst- oder depressiven Störungen "Kummerspeck" ansetzen.

Beim Großteil unserer Kinder ist das Übergewicht allerdings Resultat einer individuellen genetischen Veranlagung und eines sich in den letzten Jahrzehnten massiv veränderten Lebensumfeldes. Vor allem unser immens gestiegenes Nahrungsmittelangebot vermag den Anstieg des Übergewichts in der westlichen Welt seit den 70er Jahren zu erklären. Ein Werbebudget der Nahrungsmittelindustrie von ca. 2,8 Milliarden Euro pro Jahr in Deutschland bedarf keines weiteren Kommentars. Aber auch die Familie als soziokultureller Faktor spielt in der Entstehung der gegenwärtigen Adipositas-Pandemie eine wichtige Rolle. Eine amerikanische Studie an über 8000 Vorschulkindern konnte zeigen, dass unter anderem eine einmal täglich als Familie eingenommene Mahlzeit die Häufigkeit der Adipositas im Kindesalter um fast 40 Prozent senkt. Wenn bei den Mahlzeiten auch ein Gefühl der "sozialen Sättigung" vermittelt wird, ist die Chance groß, dass sich ein gesundes Essverhalten ausbildet.

Hilfe finden Eltern übergewichtiger Kinder über ihren Kinderarzt. Dieser kann einerseits das Ausmaß der Adipositas bestimmen, andererseits örtliche und überregionale Therapiemöglichen empfehlen. Eine Adipositas liegt vor, wenn der Körperfettanteil an der Gesamtkörpermasse krankhaft erhöht ist. Die Verwendung der einfach messbaren Parameter Körpergröße und Körpergewicht und des daraus abgeleiteten Body Mass Index zur Abschätzung des Körperfettanteils hat sich weltweit durchgesetzt.

Reicht das aufklärende Gespräch in der Praxis nicht aus, sind Programme zu Verhaltensänderung eine Möglichkeit zur Wiedererlangung des Normalgewichts. Die Programme verfolgen das Ziel, Unbeweglichkeit im Alltag zu vermeiden und sich mit einer "optimierten Mischkost" zu ernähren. Generell sollten Kinder im Wachstum ihr Gewicht lediglich halten und über die Zunahme der Körperhöhe ihre Körperkomposition verbessern.

Sport ist zu begrüßen, entscheidend ist aber die Bewegung im Alltag. Hier geht es nicht darum, dass der Schweiß in Strömen fließt, sondern um zehn bis zwölf Stunden normale Bewegung – pro Woche.

Body Mass Index für Kinder: http://www.kinderaerzte-im-netz.de/bvkj/contentkin/bmi/

(RP)
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