Emmerich erfindet Shakespeare

Emmerich erfindet Shakespeare

"Anonymus" heißt der Film von Starregisseur Roland Emmerich. Ein opulenter, hochdramatischer Kostümfilm, der gestern auf der Buchmesse präsentiert wurde und in dem der wahre Shakespeare enttarnt werden soll. Demnach ist es kein anderer als der Earl von Oxford.

Frankfurt/M. Dass auf der Buchmesse die Fetzen fliegen, kommt sehr selten vor. Aber es passiert so gut wie nie, dass dazu ein Spielfilm Anlass böte, noch dazu über einen Autor, der nicht nach Frankfurt kommen konnte, weil er seit fast 400 Jahren tot ist. Kurzum: An Shakespeare scheiden sich die Geister, genauer an seiner Identität. Allein dieses Geheimnis ist der Stoff, aus dem ganz großes Kino schöpft. So verwundert es eigentlich, dass Regisseur Roland Emmerich erst jetzt tätig wurde und in bekannter Opulenz seine Shakespeare-Geschichte erzählt. "Anonymus" heißt sein Film, der gestern auf der Messe präsentiert wurde.

Unter den vielen Bewerbern, die mittlerweile für den echten Shakespeare infrage kommen, hat sich Emmerich für Edward de Vere, den Earl von Oxford, entschieden. Dieser hatte das Ausland bereist, war gebildet, sehr schrifterprobt und eben ein Adeliger, dem es im 16. Jahrhundert nicht geziemte, Tragödien und Komödien fürs gemeine Volk zu schreiben. Ein Pseudonym schien also notwendig.

Nicht weniger ansehnlich sind die Vorbehalte gegen Shakespeare selbst, ein Schauspieler, der eine Dorfschule besucht hatte, der keinerlei Manuskripte, Briefe oder Tagebücher hinterließ (sie werden nicht einmal in seinem Testament erwähnt) und dessen Tod 1616 weithin unbeachtet blieb. Um es in den Worten Emmerichs zu sagen: "Mit dem Mann aus Stratford gibt es ein Problem." Daraus macht er keinen Hehl: Eine Dumpfbacke ist sein Shakespeare, ein eitler Geck und Analphabet, kundig nur in den Freudenhäusern Londons.

Emmerich zaubert einen großen Kostümfilm, mit imposanten Computer-Animationen vom London des 17. Jahrhunderts, einen Thriller über Liebe, Hass und Inzest, Hochverrat, Mord und Totschlag. Und es ist so dreckig, wie wir uns diese Zeit in den Großstädten vorstellen: Schlammig sind die Straßen, verdreckt die Kleider, faulig sind die Zähne der alten Königin Elisabeth (wunderbar mit dem Glanz der Jugend noch in den Augen: Vanessa Redgrave) und die Finger von Oxford fast immer tintenverschmiert. Das ist ja die Kunst von Roland Emmerich: Er entwirft mit seinem Film keine Theorien des Kinos, sondern will mit seinen Bildern und Geschichten so nah wie nur eben möglich an seine Zuschauer ran. In seinem Film wird sich darum auch nicht übergeben, sondern gekotzt.

Rhys Ifans spielt den Helden herrlich arrogant, tiefsinnig, sich und seiner Gabe aufreizend sicher. Ein Verführer und Verführter zugleich, ein zwangsläufig Besessener, der die Stimmen in seinem Kopf zu Gehör bringen muss — koste es, was es wolle, und es kostet ihn am Ende viel. Oxford ist einer, der die zünftigen Vorstellungen seiner Stücke unter fremden Namen gebannt aus der Loge verfolgt, und der zu glauben scheint, dass Worte stärker sind als Schwerter. Ob's stimmt? Zumindest zu Lebzeiten des Dichters ist die Frage nicht entschieden, denn oft lässt Emmerich seinen Helden durch die gewieften Strippenzieher der Macht zu Fall bringen. Nur mit Mühe kann Oxford seinen Sohn retten, der — das ist eine von Emmerichs heiklen Zutaten — einem früheren unhöfischen Kontakt mit der Königin entsprungen ist. In der Liebesszene — ja doch: auf Bärenfell und vor knisterndem Kamin — spricht Oxford berühmte Liebesverse, was in der anschließenden Podiumsdiskussion den Vorsitzenden der Deutschen Shakespearegesellschaft, Professor Tobias Döring, ermunterte, von "Erlebnislyrik vom Feinsten" zu reden.

Derart nett ging es gestern selten zu. Denn die beteiligten Vertreter der Shakespeare-Theorien, Oxfordianer hier, Stratfordianer dort, sind gar nicht an Debatten, sondern an Attacken interessiert. "Er kann nicht lesen", hieß es in die eine Richtung, "der hält mich doch für blöd", in die andere. Und mittendrin ein Hellmuth Karasek, der nicht unglücklich darüber schien, die Klopperei eher aus dem Hintergrund zu verfolgen. Da staunte sogar Roland Emmerich: "Wow, ich bin zufrieden, was ich mit meinem Film auslösen kann."

Vor allem lässt er viel vorspielen, viel rezitieren. Der ganze Film ist mit Shakespear'scher Sprache durchtränkt — und wir betreten ihn sogar über eine Bühne aus der Gegenwart. Da stören dann auch all die historischen Fälschungen und dramatischen Zuspitzungen nicht, zumal Emmerich nie einen Film in Thesen, sondern immer nur eine spannende Geschichte erzählen wollte. Und dazu ist fast jedes Mittel recht. Wenigstens in diesem Punkt dürfte Emmerich einer Meinung gewesen sein mit Shakespeare — Pardon: dem Earl von Oxford.

(RP)