Düsseldorf: Schwacher Auftakt zur Ära Holm

Düsseldorf : Schwacher Auftakt zur Ära Holm

Mit Janne Tellers Bestseller "Nichts. Was im Leben wichtig ist" hat Düsseldorfs neuer Intendant Staffan Holm seine Spielzeit eröffnet. Im Jungen Schauspielhaus ist ein interessantes Stück zu sehen – in der wenig überzeugenden Inszenierung von Marco Storman.

Die Spielzeit des neuen Düsseldorfer Intendanten ist eröffnet. Mit einem starken Stück in einer schwachen Inszenierung. Staffan Holm war im Jungen Schauspielhaus dabei, als Janne Tellers Bestseller "Nichts. Was im Leben wichtig ist" in einer Bühnenbearbeitung uraufgeführt wurde. Und Holm stand am Ende mit den Zuschauern vor dem "Berg der Bedeutung", der soeben seine Bedeutung verloren hatte. Ein Berg, der bestückt war mit Lieblingssandalen, totem Bruder im Sarg, Hamster im Käfig, abgeschnittenem Finger und verlorener Unschuld. Ein Berg, den verzweifelte Jugendliche aus Herzensdingen aufgehäuft hatten, um ihrer Sinnsuche Ausdruck zu verleihen. Ein Berg, der nun aussah wie ein Kunstwerk von Jeff Koons und für Millionen Dollar auf dem Kunstmarkt verhandelt wurde.

Da Janne Tellers vieldiskutierter Jugendroman über Existenzialismus und Nihilismus eine Art modernes Märchen ist, kann man sich mit einiger Fantasie vorstellen, dass der Berg jetzt verbrennt, und die Hauptperson, der Rädelsführer, der Anstifter und beständig lächelnde Verführer, tot ist: Doch Pierre Anthon hängt vor dem Berg kopfüber vom Himmel herunter und hebt ein letztes Mal an, ähnliche Thesen in die Welt zu setzen, wie er es zuvor immer wieder getan hatte: "Nichts bedeutet etwas. Alles ist egal. Denn alles fängt nur an, um aufzuhören. Das Beste, was wir für die Zukunft tun können, ist sterben... Wenn der Tod keine Bedeutung hat, dann deshalb, weil das Leben keine Bedeutung hat ..."

Pierre Anton haut diese Sätze seinen Mitschülern aus der 7. Klasse um die Ohren. Klar, dass er sie anstiftet, das Gegenteil zu beweisen. Der unscheinbare Jüngling hat sich über sie erhoben, er hockt in einem Pflaumenbaum und spuckt mit Kernen. Manchmal legt er auf seiner hölzernen Kanzel Musik auf.

Willkommen im Labor des Lebens, einer aus Latten gezimmerten Versuchsanordnung, die schiefe Ebenen und gefährliche Kluften hat. Plakativ hängt das Foto einer glücklichen Kernfamilie an der Wand, nicht ganz vollständig. Während der 90 Minuten wird es bearbeitet, am Ende zerstört. Es ist hell auf der Bühne, hektisch und laut wieseln die Jugendlichen (in verschiedenen Rollen) um den Pflaumenbaum herum. Es wird viel und schnell gesprochen, oft zu schnell, ohne jede Eindringlichkeit. Hört man genau hin, dann geht es um die Lebensfragen, um Selbstzweifel, Liebe und Lügen, um Maximierung von Gefühlen und Angst vor Verlust. Alle sind wie elektrisiert, fordern und leisten immer noch Größeres, Unmenschlicheres, um Bedeutungsbeweise zu erbringen. Die Jugendlichen rotten sich zur Meute zusammen und entwickeln ungeheures aggressives Potenzial.

Ihr Berg soll verhökert werden, die Schüler werden enttarnt. Statt Heldenapplaus droht Strafe. Spät setzt Regisseur Marco Storman Videos ein, verleiht dem Geschehen neue Dimensionen. Dann kommt das Feuer. Vor dem desillusionierten, grausamen Finale setzen alle Masken auf. Pierre Anthon steht jetzt weit weg und übermittelt seine Parolen per Megafon. Alles war, so scheint's, vergebens. Die Enttäuschung der Schüler über die verlorene Bedeutung schlägt in blinde Wut um. Sie lynchen Pierre Anthon.

Verhaltene Reaktionen nach 90 Minuten: Zu undeutlich wurde gesprochen, dazu ein Hauptdarsteller, der nicht überzeugt, die Requisiten so banal wie die roten Glanzpapierschnipsel, die sich bei einer Amputation zu Strawberry-Fields-Musik im Raum verflüchtigen.

(RP)
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