Der kleine Prinz: Die Rückkehr des Kleinen Prinzen zu Weihnachten

Fortsetzung des „Kleinen Prinzen“: Der Kleine Prinz kehrt zurück

Ausgerechnet zum Weihnachtsfest landet der Kleine Prinz auf der Erde. Die wundersame Fortsetzung einer weltberühmten Geschichte.

Die erste Frage ist die: Soll man das und darf man das überhaupt? Nämlich eine Fortsetzung des Kleinen Prinzen schreiben, eines der berühmtesten Bücher der Welt und mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren auch eins der meistgelesenen. Das hat sich Kinder- und Jugendbuchautor Martin Baltscheit auch gefragt, als der Karl-Rauch-Verlag – der  deutsche Verlag des Kleinen Prinzen – bei ihm anrief mit der Bitte um eine Fortschreibung. Und als Baltscheits Tochter dem Vater Größenwahn attestierte, machte er sich an die Arbeit.

Das Buch konnte aber nur deshalb gelingen, weil es eben keine richtige Fortsetzung ist und vor allem keine Imitation. Der Prinz wird also kein zweites Mal ausgequetscht, um die Welt mit neuen rührseligen Geschichten anzureichern. Stattdessen erzählt Baltscheit eine neue und aktuelle Geschichte, eine, die bei uns spielt und die auch mit dem Werk des  prämierten Autors und Zeichners zu tun hat. Das ist vielleicht auch der tollste Einfall: dass Baltscheit dem Kleinen Prinzen die freche Krähe zur Seite stellt (bekannt aus seinem Buch „Krähe und Bär“). Denn die erdet die Geschichte und befreit sie von der Gefahr eines kitschigen Aufgusses. Die Krähe ist zwar ein Kumpel, aber eben doch aufs eigene Revier bedacht und vor allem auf die Plätzchen des „Weißbemehlten“, der zufälligerweise der beste Bäcker der Welt ist.

Die Rückkehr des Prinzen ist fantastisch. Doch glaubhaft für alle, die diese Geschichte lieben: Auf dem Planeten B 612 konnte das Schaf sich vom Maulkorb befreien und die geliebte Rose fressen. Worauf der Prinz wütend das Schaf ins All wirft, mit der Folge, dass nun die Affenbrotbäume ins Grenzenlose wachsen und den Planeten schließlich explodieren lassen. Der Prinz kehrt also wieder zurück mit nur einem Wunsch: seinen Freund, den Piloten, wiederzufinden.

Das ist der Beginn einer teils komischen, meist aber traurigen Odyssee. Es weihnachtet auf Erden sehr, und wie es so ist: vor allem rummelig. Der sogenannte Weihnachtsmann hat nur bedingt Zeit für den Jungen, irgendwann landet der Prinz auf der Polizeiwache und sogar beim Psychologen, der diagnostiziert: Der eigenartig kostümierte Knabe leide an Fantasie.

Das sind hübsche Geschichten, die entstehen, wenn man eine Figur auf die Zeitreise bis in die Gegenwart schickt. Richtig spannend aber wird es, als der Prinz vor dem Schaufenster einer Buchhandlung steht und sieht, was es von ihm schon alles gibt: Bücher und Hörspiele, Teller, Becher, Kochgeschirre, Puppen, Kekse und Badehauben. Da erwacht nicht nur der feine Geist des Kindes, das einfach nicht fassen kann, dass Geschichten „verkauft“ werden. Denn die werden doch „erzählt. Sie bestehen aus Atem, Zeit und Licht“, sagt er.

Damit begegnet der Prinz plötzlich seinem literarischen Abbild. Und ganz am Ende wird der Kleine Prinz seinen Schöpfer fragen: „Wenn ich in einem Buch bin, bin ich dann nur ausgedacht?“ Wie die nachdenkliche Antwort lautet und wie und wo der Prinz seinen Freund, den Dichterpiloten Antoine, überhaupt findet, soll eine Sache des Buches bleiben.

Nur so viel sei verraten, dass jenes Armband eine große Rolle spielt, das tatsächlich erst vor 20 Jahren ein Fischer im Meer fand und das mit der Gravur des Autorennamens der Tod von Antoine de Saint-Exupéry belegt werden konnte. Dieser war am 31. Juli 1944 vor Marseille abgeschossen worden. Das Wiedersehen zwischen Autor und Prinz muss zwangsläufig fantastisch werden. Es passt also zur weltberühmten Geschichte.

Martin Baltscheit hat wie sein großer Vorgänger die Geschichte zudem zeichnend begleitet. Auch das ist keine Imitation geworden. Nach Baltscheits Worten sei Antoine de Saint-Exupéry ein „beherzter Dilettant“ gewesen; genau das aber habe beim Original zu jener Naivität und auch Wärme geführt, die man heute nicht mehr hinkriegt. Baltscheit hat seinen eigenen Prinzen gemalt, allerdings mit den technischen Mitteln von damals: also nur mit Wasserfarben und einem feinen Stift.

Die Weihnachtsgeschichte des Prinzen ist kein lupenreines Kinderbuch. Aber das war und ist die Urfassung auch nie gewesen. Es ist ein Buch übers Erwachsenwerden und eins über unsere Zeit. Es ist das Loblied auf eine naive Weltsicht geblieben. Und es erzählt nebenher auch Literaturgeschichte: vom Schicksal des Piloten Antoine de Saint-Exupéry, der den Welterfolg seines Prinzen nicht mehr erlebte. Wie auch dass ihm französische Banknoten gewidmet, nach ihm ein Flughafen, etliche Straßen und sogar der Asteroid 2578 benannt wurden.

Vor Kitsch muss sich niemand fürchten, auch wenn der berühmte Satz mit dem gutsehenden Herzen zumindest in indirekter Rede vorkommt. Denn für Bodenhaftung ist die Krähe zuständig, die beim Anblick der vielen Bücher und Accessoires spekuliert, dass der Kleine Prinz sehr, sehr reich sein müsse. Und da Krähen immer Hunger und immer einen Plan haben, schlägt sie nicht ganz uneigennützig vor: „Wir sollten die Bäckerei kaufen.“

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