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Ausstellung mit "Subversivem Design" im NRW-Forum

„Subversives Design“ im NRW-Forum : Alles könnte so einfach sein

Die von Alain Bieber kuratierte Ausstellung „Subversives Design“ im NRW-Forum ist außerordentlich provokativ. Sie stellt das Denken und Organisieren eines ganzen Systems infrage.

Die erwachsene Frau krabbelt wie ein Kind hin und her auf dem Boden des Ausstellungsraumes im NRW-Forum. Auffallend ist ihr eigenartiger körpernaher Anzug aus grünlichem Funktionsmaterial. Knieschoner trägt sie und kleine Polster um die Hände. Liora Epstein zieht stumm ihre Bahnen, sie erlebt dabei „veränderte Körpererfahrung“, das ist ihre Botschaft. Mit „Krabbelanzügen“ leitet sie irgendwann zu ihrem Regal über, in dem ergonomische Kleidung hängt. Fast alle Menschen sind ständig auf Selbstoptimierung aus; dieser Anzug ist zwar fürs Krabbeln optimiert, ansonsten bietet er aber nur Nachteile. 

So geht es oft mit Design. Wer schön sein will, muss leiden, hieß es früher. Heute lässt es sich abwandeln in: „Wer schön sein will, muss angesagte Labels kaufen und nicht auf die Stellen hinter der ersten Ziffer des Preises achten.“ Oder wenn doch, zu Fakes und anderer Billigware greifen. Wie Design als Gebrauchsgegenstand, als Kleidung oder als Message die Welt leitmotivisch wie leidmotivisch im Griff hat, wie die Billigproduktion die Ökologie und Menschen- wie Kinderrechte außer acht lässt, die Eitelkeiten provokativ bedient, wie Design eine Sprache unterschiedlicher Kulturen mehr oder weniger punkig und schrill bedient und je nach Weltlage in verschiedenen Ländern anders bewertet wird – von all dem berichtet diese außergewöhnliche Ausstellung. Die zusammengerufenen Designer schleusen subversive, also umstürzlerische Gegenentwürfe in den mutmaßlich freien Markt und zwingen zur Auseinandersetzung mit Themen wie Klimaschutz, Fast Fashion, Feminismus, Diskriminierung, Ausbeutung und Digitalisierung.

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Alain Bieber, Leiter des NRW-Forums im Kunstpalast, lässt es krachen. Zuvor habe es einen vielstimmigen Diskurs zum Thema Design in seinem Kuratorenteam gegeben, erzählt der 43-Jährige alerte Institutsleiter des neuerdings im Kunstpalast verorteten Ausstellungsinstituts. Zu jedem der 20 ausstellenden Künstler fällt ihm eine tolle Story ein. Führungen mit ihm sind anzuraten. Schließlich hat er ein Warenlager der Kritik errichtet, ein Kuriositätenkabinett, eine moderne konsumorientierte Wunderkammer.

Die großen Regale sind nicht schick, sondern funktional, man kann sie umkreisen und die Ware Kunst von allen Seiten anschauen. Ein paar hundert Euro kosten die Sneaker mit dem Label „Nike“, sie haben dreifach gepolsterte Sohlen, angeblich mit Weihwasser gefüllt, „Jesus Schuhe“ nennt sie das Designkollektiv MSCHF, daneben steht das andere Paar, dem Teufel zugeordnet, diese Sohle ist jetzt mit Blut gefüllt.

Sneakers aus genetisch verändertem Rochenleder von „Next Nature Network" sind an anderer Stelle zu sehen, was eine Debatte über neue Biotechnik ausgelöst hat. Eklig sind die „Blood Sneakers“ (Blut-Sneaker) des Projekts Meat-Factory. Das darin verarbeitete sogenannte Bio-Leder wurde aus Schlachthofabfällen wie Fett und Knochen hergestellt. Weniger eklig, dafür schön: ein Ballkleid aus zusammengenähten Lidl-Tüten. Weltexklusiv: Henri Alexander Levy mit einer No-Go-Jacke, auf der Wladimir Putin abgebildet, angeblich von George Bush gemalt. Traurige Wahrheit: Jojo Gronostay nennt sein Modelabel „Dead White Men’s Clothes“ (Kleider des toten weißen Mannes), weil es für den Ghanaer zu Beginn der Second-Hand-Welle aus Europa in den 1970er Jahren nicht vorstellbar schien, dass derart hochwertige Kleidung einfach verschenkt werden kann. Die Vorbesitzer müssten doch gestorben sein.

Ein Trommelfeuer an Vielfalt provoziert in dieser Schau immer neue Aufregung, man sollte sich in die Werke vertiefen. Man wird auf Haltungen stoßen – und auch auf Humor. 

Info „Subversives Design“ läuft bis 22. Mai im NRW-Forum.