Ronald Pofalla: „Wir schaffen 20 Prozent mehr Züge“

Interview mit Bahn-Infrastruktur-Vorstand Ronald Pofalla : „Wir schaffen 20 Prozent mehr Züge“

Der Infrastruktur-Vorstand der Deutschen Bahn, Ronald Pofalla, spricht im Interview über die Digitalisierung, Verspätungen und Großbaustellen.

Die Politik will mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene bringen. Wie wollen Sie das schaffen, wenn Ihnen Bürgerinitiativen beim Bau jeder neuen Trassen die Hölle heiß machen, Bauvorhaben erheblich verzögern oder gar verhindern?

Pofalla Uns ist klar, dass niemand jubelt, wenn vor seinem Gartentor ein neues Gleis gebaut wird. Mit der Digitalen Schiene Deutschland liefern wir genau die Antwort. Das Programm macht Platz für Tausende zusätzliche und klimafreundliche Züge, ohne zusätzliche Gleise bauen zu müssen.

Kern der Digitalen Schiene Deutschland ist die Umrüstung aller Strecken mit dem Zugsicherungssystem ETCS. Wie kann ein solches System helfen, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen?

Pofalla Wenn wir die Digitale Schiene Deutschland ausrollen, fallen beispielsweise entlang den Strecken die über 67.000 Signale weg. Per Echtzeitortung kriegen wir die Züge viel dichter getaktet und damit ein besseres Bahnangebot für unsere Kunden. Das wäre ein Quantensprung für den gesamten Eisenbahnsektor.

Auf der neuen Sprinterstrecke zwischen Berlin und München hat das ETCS anfangs dafür gesorgt, dass es zu massiven Problemen kam. Und dieses System ist nun der Heilsbringer für die Pünktlichkeit?

Pofalla Wir fahren zwischen Berlin und München Pünktlichkeits-Werte von 90 Prozent ein. Wenn wir es schaffen, das gesamte Netz zu digitalisieren, wird das für einen erheblichen Pünktlichkeitsschub sorgen.

Hätten mit diesem System Zugunglücke wie in Bad Aibling oder Meerbusch verhindert werden können?

Pofalla ETCS bringt zusätzliche Sicherheitspuffer.

Wie viele Schienenkilometer in NRW haben heute noch kein ETCS?

Pofalla Bis 2023 sollen rund 500 Kilometer in NRW ausgerüstet werden: der Rhein-Alpen-Korridor und auch wichtige Ausweichstrecken, wie von Krefeld/Köln über Viersen in die Niederlande. In Viersen und Stolberg werden Stellwerke mit neuster Technik gebaut. Mit dem Bund reden wir derzeit über weitere Strecken.

Wann ist auch der letzte Schienenkilometer ausgerüstet?

Pofalla Der Bund arbeitet an einer Studie, um genau diese Frage zu klären. Wir sollten jetzt aber beherzt beginnen und keine Chancen verstreichen lassen.

Zugleich wollen Sie auch auf digitale Stellwerke umrüsten. Wie viele althergebrachte gibt es noch in Deutschland und NRW?

Pofalla 400.000 Kilometer-Signalkabel, 40.000 Züge täglich, 2700 Stellwerke in Deutschland – das sind enorme Zahlen. Die neuen Digitalen Stellwerke sind ausgesprochen wichtig für den Erfolg des Projektes. Stellwerke mit Seilzügen sind nicht update-fähig. Die Digitalen Stellwerke jedoch sehr wohl.

Bis wann sind Sie mit dem Thema durch?

Pofalla Das ist kein Projekt von heute auf morgen, ganz klar. Deshalb müssen wir schon heute beginnen.

Wie viele Züge können Sie zusätzlich allein mit Hilfe der Digitalisierung auf die Strecke bringen?

Pofalla Wir rechnen mit bis zu 20 Prozent mehr Kapazität. Das wird jedoch regional variieren. Weil unser Bahnnetz billiger zu betreiben sein wird, können die Bundesländer zukünftig mehr Regionalverkehr bestellen als bisher. Also mehr S-Bahnen und Regionalzüge und weniger klimaschädliches CO2. Wir kriegen auch endlich die Lkws von den Straßen, da der Schienengüterverkehr viel attraktiver wird. Der Zustand einzelner Autobahnen ist doch unzumutbar!

Europa normt zwar Gurken und Glühbirnen, aber beim Thema Zugsteuerung scheint jedes Land zu machen, was es will. Brauchen wir ein Eisenbahn-Abkommen – eine Art TTIP für die Schiene?

Pofalla Lkw rollen ungestört über alle Landesgrenzen. Züge müssen aber haltmachen. Über 20 Zugsteuerungssysteme gibt es derzeit in Europa. Wenn wir als wichtigstes Transitland jetzt vorangehen, wird das für den EU-Raum einen immensen Schub geben – davon bin ich überzeugt.

China baut gerade wie wild an der Neuen Seidenstraße. Auch dort müssen Züge umständlich umgeladen werden, weil es in den Ex-Sowjet-Staaten andere Spurbreiten gibt als bei uns und in China. Lässt sich dieses Problem überhaupt in absehbarer Zeit beheben?

Pofalla Deshalb brauchen wir ja einheitliche Standards. Da sind wir uns mit der EU-Kommission absolut einig.

Derzeit erleben wir massive Bautätigkeiten auf den Hauptverkehrsachsen. Es hieß, durch geschickteres Baustellenmanagement könne man die Verspätungen minimieren. Derzeit sprechen die Pünktlichkeitswerte aber eine andere Sprache.

Pofalla Es stimmt: Wir können nicht mit der Situation zufrieden sein. Deshalb haben wir auch ein Maßnahmen-Paket verabschiedet, um die Züge und das Netz zuverlässiger zu machen. Beim Bauen machen wir aber deutlich Fortschritte. Obwohl wir mehr Baustellen im Netz haben, konnten wir die Verspätungen hierdurch um zehn Prozent im vergangenen Jahr verringern.

Wetterkapriolen lassen sich nur schwer mit mehr Digitalisierung abfedern.

Pofalla Richtig, aber die neuen Zugsteuerungssysteme werden viel flexibler auf Krisensituationen reagieren können. Umleitungen, Signalstörungen und die Aufräumarbeiten kriegen wir zukünftig schneller in den Griff.

Welche Rolle spielt dabei Künstliche Intelligenz?

Pofalla Künstliche Intelligenz wird Züge pünktlicher machen. Aktuell steuern wir den Zugverkehr praktisch mit tausenden kleinen Waben in ganz Deutschland. KI wird uns helfen, viel besser das gesamte Netz im Auge zu behalten und die Steuerung von 40.000 Zügen am Tag zu optimieren.

Die Nahverkehrsunternehmen beschweren sich, dass dem Fernverkehr Vorrang eingeräumt wird. Welchen Beitrag kann die Digitalisierung leisten, damit Fern- und Nahverkehr pünktlicher werden?

Pofalla Der Vorwurf ist nicht richtig. Wir disponieren alle Züge diskriminierungsfrei. Und: Die Digitale Schiene Deutschland ist für den gesamten Bahnsektor positiv, nicht nur für die DB allein. Davon profitieren alle auf der Schiene.

Mit Ronald Pofalla sprach Maximilian Plück.

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