Der Lufthansa-Ableger Eurowings wird soviel verklagt wie nie - die Entschädigungen können hoch sein.

Verspätungen und Ausfälle : Klagewelle rollt über Eurowings hinweg

Wegen Verspätungen und Flugausfällen haben Klagen und Beschwerden gegen den Lufthansa-Ableger Eurowings massiv zugenommen – gerade in Düsseldorf und NRW. Reisende können auf viel Geld hoffen.

So berichtet die Fluggastrechtefirma Fairplane, sie habe 2018 rund 11.000 Verfahren gegen Eurowings begonnen, 2017 waren es 3400. „Die Kunden wollen ihre Entschädigungen haben“, erklärt Firmensprecher Roland Schmid. Der Hamburger Anwalt Moritz Diekmann führt aktuell 427 Verfahren gegen die Airline. „Da hat Eurowings erstmals vor Ryanair den Spitzenplatz dank des schwierigen Jahres 2018 bekommen“, sagt er. „Wir führen so viele Verfahren wie nie.“

Eine Sprecherin des Amtsgerichtes Köln berichtet von „signifikant mehr Klagen gegen Airlines“, bei denen Eurowings oft vorkomme. Im Düsseldorfer Amtsgericht stieg die Zahl der Klagen von Fluggästen 2018 auf mehr als 11.000. Im Jahr 2017 gab es nur rund 5000 solcher Verfahren. Eurowings war 2018 in 4000 Rechtsstreitereien verwickelt, viermal mehr als 2017. „Eine enorme Erhöhung“, sagt Pressedezernentin Elena Frick.

Die Gründe für die Probleme liegen auf der Hand: Nachdem Air Berlin 2017 untergegangen war, hatte sich Eurowings einen großen Teil der Flotte einverleibt, doch die Integration lief langsamer als erwartet. Außerdem sorgten Gewitter sowie Streiks für weitere Turbulenzen – Eurowings strich 2018 rund 5200 Flüge, Lufthansa mehr als 12.000. Und Verspätungen von mehr als drei Stunden hatte Eurowings in 1400 Fällen, Lufthansa in 1040 Fällen, meldet das Beschwerdeportal EUClaim. Auf Platz drei liegt Ryanair mit 900 Verspätungen.

Dabei ist es für Geschädigte keineswegs klug, direkt vor Gericht zu ziehen oder ihr Anliegen einer Klagefirma wie EUClaim oder Fairplane zu überlassen. So bietet Jurist Diekmann im Internet einen „Mahnschreiben-Generator“ an, mit dem Kunden auf eigene Faust einen juristisch korrekten Beschwerdebrief für ihren Fall formulieren können. „Das Entscheidende ist, eine konkrete Zahlungsfrist zu setzen“, sagt er.

Verbraucherschützer raten dazu, sich bei einer signifikanten Verspätung oder dem Ausfall eines Fluges an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) in Berlin zu wenden.

Die Juristen der SÖP haben dann bei Streit als Schiedsrichter die Aufgabe, abzuwägen, ob die Forderungen der Passagiere berechtigt sind. Dabei ist meistens nicht strittig, ob eine Verspätung wirklich länger als drei Stunden war oder ob ein Flug ausfiel, sondern ob die Airline die Zahlung begründet ablehnen kann. „Wenn Gewitter oder ein Streik den Flug beeinträchtigte, dann muss die Airline dafür nicht geradestehen“, sagt ein Anwalt, „wogegen die Airline für eigene Versäumnisse zahlen muss.“ Christof Berlin, Leiter der SÖP, sagt: „Wir prüfen auch die komplizierten Fälle ohne Kosten für die Bürger.“ Damit distanziert er sich von den Beschwerdefirmen, die einen Teil der Entschädigung einstreichen.

2018 kamen bei der SÖP mehr als 28.000 Schlichtungsanträge wegen Flügen rein, mehr als doppelt soviele wie 2017. Welche Airline wie stark vertreten war, wird nicht bekannt gegeben, doch der Branchenkenner Heinrich Großbongardt sagt: „Weil Eurowings Marktführer ist, werden die bei den Schlichtungen sicher auch vorne liegen.“

Eurowings selbst erklärt, im laufenden Jahr rechne man mit deutlich sinkenden Beschwerden, weil die Pünktlichkeit seit Herbst deutlich gestiegen sei. Der Lufthansa-Ableger weigert sich zwar, die Zahl der Klagen und Beschwerden gegen das Unternehmen preiszugeben, hat aber 170 Millionen Euro für die Integration von Air Berlin sowie die Kosten von „Flugunregelmäßigkeiten“ zurückgestellt.

Eurowings ergänzt, viele der Klagen kämen nur, weil das Unternehmen nicht schnell genug Forderungen bearbeite, nicht weil man die Forderungen ablehne. Seit Herbst sei die Bearbeitungszeit zwar etwas gesunken, doch Beschwerden wegen des Streiks an den Flughäfen Mitte Januar haben die Bearbeitungszeiten wieder hochgedrückt.

„Seit zwei Wochen erhielt ich nicht einmal eine Antwort auf eine Mail von mir“, erzählt der Düsseldorfer Unternehmensberater Martin Vogler. Ihm war eine Umbuchungsgebühr unkorrekt abgebucht worden.

Für Passagiere lohnt sich eine Beschwerde nach EU-Recht: Bei Flügen bis 1500 Kilometer Länge gibt es bei Verspätungen von mehr als drei Stunden pro Person 250 Euro, bis 3500 Kilometer 400 Euro, darüber hinaus 600 Euro. Anwalt Diekmann erzählt von einer Familie, die ihren Urlaub 2019 mit Entschädigungen für 2018 von einer damaligen Karibik-Reise zahlen will. Die Airline war nicht Eurowings.

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