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US-Reaktionen auf die Euro-Krise: Sehnsucht nach einer neuen D-Mark

US-Reaktionen auf die Euro-Krise : Sehnsucht nach einer neuen D-Mark

Düsseldorf (RPO). In den USA wachsen die Sorgen über das chaotische Euro-Krisenmanagement in Europa. Schon mehrfach hat die US-Politik die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gedrängt, endlich eine große Lösung zu wagen, die alle Probleme mit einem Schlag erledigt. Die konservative "Washington Times" fordert sie gar auf, eine neue deutsche Mark zu erfinden – den Neuro.

Düsseldorf (RPO). In den USA wachsen die Sorgen über das chaotische Euro-Krisenmanagement in Europa. Schon mehrfach hat die US-Politik die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gedrängt, endlich eine große Lösung zu wagen, die alle Probleme mit einem Schlag erledigt. Die konservative "Washington Times" fordert sie gar auf, eine neue deutsche Mark zu erfinden — den Neuro.

Seit Wochen berichten die großen Zeitungen in den USA ausführlich über die europäische Schuldenkrise. Genau wie die alarmierte US-Politik wissen sie, dass auch die wirtschaftliche Genesung der gebeutelten USA auf Gedeih und Verderb am Erfolg der Europäer hängt. Eine Pleite Griechenlands, Italiens, Spaniens und die daraus folgende zweite Finanzkrise würde auch Amerika eine finanzielle Verwüstung anrichten.

Entsprechend alarmistisch ist der Ton. US-Präsident Barack Obama und sein Finanzminister Timothy Geithner haben in den vergangenen Wochen mehrfach den Zeigefinger gehoben und sich damit bei den Europäern wenig Freunde gemacht. Nach ihren Vorstellungen soll Europa bitteschön mehr Geld in die Hand nehmen, einen belastbaren finanziellen Schutzschirm aufbauen und spätestens bis zum G20-Gipfel im November einen detaillierten Aktionsplan gegen die Krise vorlegen.

Rufe nach einer nördlichen Euro-Allianz

Auch die amerikanischen Medien diskutieren, wie der Krise beizukommen ist. Die liberale New York Times kritisiert Angela Merkel für ihr zögerliches Handeln und ruft nach einem Kraftakt, der den Finanzmärkten keinen Raum mehr für Zweifel lässt. Ein Rettungsschirm müsse allein für Spanien und Italien an die zwei Billionen Euro umfassen.

Ganz andere Schlüsse zog unlängst die konservative Washington Times. "Europas Retter: eine neue deutsche Mark", betitelt Brett M. Decker, einer der Mitherausgeber, seinen Kommentar. Die Washingtoner Sicht auf Europa fördert interessante Befunde zu Tage: In den wohlhabenden nördlichen Ländern Europas gebe es ein wachsendes Interesse, sich aus der Eurozone zurückzuziehen.

Ein Rette-sich-wer-kann-Szenario

Ab einem bestimmten Punkt, müsse eine Nation ihre Interessen schützen, genau das sei es, was die Deutschen gerade tun, analysiert Decker und beschreibt treffend D-Mark-Nostalgie und Euro-Unmut in Deutschland. Viele hätten die Nase voll, für die fahrlässige Schuldenpolitik der südlichen Länder den Kopf hinhalten zu müssen.

Das Auswegsszenario: Eine neue, wettbewerbsfähige Währung auf Grundlage der Deutschen Mark, zusammen mit den anderen nördlichen Ländern mit einer soliden Haushalts- und Fiskalpolitik. Mit anderen Worten: Rette sich wer kann, bevor er mit den Ländern des Südens gemeinsam untergeht.

Ideengeber ist Hans-Olaf Henkel

Freilich schließt sich die Washington Times damit den Argumenten eines Mannes an, der in der deutschen Eurodebatte zuletzt trotz seines drastischen Vokabulars kein Gehör mehr gefunden hat: Hans-Olaf Henkel, 71, ehemalige BDI-Chef und einstiger Talkshowliebling.

Eine Nord-Währung ist genau das, was Henkel seit Monaten unverdrossen fordert, sich damit aber weniger Respekt als Spott eingehandelt hat. Mitunter wurde er schon als Sarrazin der Euro-Debatte betitelt.

In seinem Buch "Rettet unser Geld!" wirbt der 70-Jährige unverdrossen für die Aufspaltung der Euro-Zone: Der stabile Norden um Deutschland solle einen "Nord-Euro" einführen, der instabile Süden, angeführt von Frankreich, einen "Süd-Euro". Außerdem will Henkel eine neue, euro-skeptische Partei gründen oder am besten gleich die ganze FDP übernehmen, wie unlängst die Financial Times Deutschland berichtete.

Zwei Währungen in Europa

Früher sei er für den Euro gewesen, aber das war ein Fehler, meint Henkel. Die Bundesregierung sei dabei, Deutschlands Wohlstand an die anderen zu verkaufen, Schritt für Schritt gebe Berlin Stabilitätskriterien auf, weil sich andere, zum Beispiel Frankreich, besser durchsetzen könnten. Von den Schmuddelkindern im Süden müsse sich Deutschland endlich losmachen, die Europäische Zentralbank (EZB) könne auch für zwei Währungen zuständig sein.

Die Aussichten auf Verwirklichung derart drastischer Pläne ist gleich Null. Kanzlerin Angela Merkel hat ihr Schicksal fest an das Überleben des Euro gekettet. Eine Rückkehr zur D-Mark komme wegen Deutschlands Exportabhängigkeit nicht infrage, da eine starke nationale Währung die Exporte verteuern würde, sagt sie unlängst in Günther Jauchs Talkshow.

Ein riskantes Unterfangen

Das Argument hat auch für eine Nord-Allianz Geltung. Ein Auseinanderbrechen der Währungsunion würde zu tiefen wirtschaftlichen Verwerfungen in ganz Europa führen, das politische Projekt wäre am Ende. Eine massive Abwertung der schwächeren Länder wäre die Folge, ihre Schulden müssten sie unverändert in Euro und Dollar bedienen. Zu Schuldenrückbau und Strukturreformen gibt es keine ernsthafte Alternative. Eine Euro-Zone der Schwachen — sie wäre kaum lebensfähig.

Auch für die starken Länder wären die Folgen einer Euro-Aufspaltung hoch riskant. Alle Vorteile, die gerade der Vize-Exportweltmeister Deutschland aus dem einheitlichen Währungsraum zieht, wären dahin. Die neue Währung (Neuro, neue Mark) würde selbst im Vergleich zum Euro stark aufgewertet. Die deutsche Exportwirtschaft stünde vor erheblichen Schwierigkeiten, sich mit ihren verteuerten Produkten auf dem Markt zu halten.

Die Schweiz hat wegen genau dieser Problematik erst vor wenigen Wochen den Franken an den Euro gebunden. Die Arbeitslosenzahlen waren gestiegen, die Insolvenzen auch. Das freilich hat die US-Presse nur am Rande kommentiert.