Berlin: Das neue Wirtschaftswunder

Berlin : Das neue Wirtschaftswunder

Die Wirtschaft ist eindrucksvoll ins neue Jahr gestartet: Ihre Leistung stieg im ersten Vierteljahr um 1,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal – doppelt so stark wie von Berlin erwartet. 2011 ist nun im zweiten Jahr in Folge ein Wachstum von über drei Prozent drin, das gab es noch nie seit der Einheit.

Volkswirte sprechen längst vom "zweiten Wirtschaftswunder": Schneller als alle anderen Industriestaaten hat Deutschland die Finanzkrise hinter sich gelassen, die die Weltwirtschaft Ende 2008 vorübergehend in eine Schockstarre versetzt hatte. Im ersten Vierteljahr 2011 wuchs die deutsche Wirtschaft um atemberaubende 1,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal, teilte gestern das Statistische Bundesamt mit. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum lag das Plus bei 5,2 Prozent – das war das stärkste Wachstum seit der Einheit.

Banken und Forschungsinstitute wollen nun ihre Prognosen für das Gesamtjahr anheben: Ein Wirtschaftswachstum von deutlich mehr als drei Prozent sei auch 2011 möglich, lautet der Tenor. Schon 2010 gehörte Deutschland mit einem Zuwachs von 3,6 Prozent zu den Konjunkturmotoren der Welt.

Vor allem die Breite des Aufschwungs lässt Volkswirte auf einen anhaltenden Boom hoffen. "Das Herausragende an den jüngsten Daten ist, dass mittlerweile Wachstumsimpulse aus allen Wirtschaftssektoren kommen", sagte Andreas Scheuerle von der Dekabank. "Deutschland bewegt sich auf ein zweites Wirtschaftswunder zu", jubelte sein Kollege Carsten Brzeski von der ING Bank.

Längst wird der Aufschwung nicht mehr nur von weiter ansehnlichen Exporten getragen, sondern zunehmend auch von der inländischen Nachfrage. Die Bauinvestitionen seien im ersten Vierteljahr sprunghaft angestiegen, berichtete Scheuerle. Geringe Bauzinsen, aber wohl auch wachsende Inflationsängste ließen die Menschen wieder mehr in Sachwerte investieren.

Doch auch der hohe Beschäftigungsstand und die weiterhin glänzenden Arbeitsmarktperspektiven ließen private Investoren und Konsumenten mutiger werden. Da vielerorts die Produktion bereits an Kapazitätsgrenzen stößt, investierten die Unternehmen im ersten Quartal kräftig in neue Maschinen und Fuhrparks.

Gute Einkommensperspektiven hätten den privaten Konsum angefacht, so die Volkswirte. "Der Konsum läuft heute deutlich besser als vor der Finanzkrise", sagte Scheuerle. Dies mache sich vor allem im Kfz-Handel positiv bemerkbar. "Die Menschen fühlen sich wieder zuversichtlicher, sie haben weniger Angst vor kostspieligen Anschaffungen wie neuen Autos."

Viele Banken und Forschungsinstitute erwarten nun im Gesamtjahr 2011 ein Wirtschaftswachstum von deutlich über drei Prozent. Die Commerzbank hob ihre Prognose gestern bereits von drei auf 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr an.

Zwei Jahre hintereinander mit Wachstumsraten von über drei Prozent – das gab es zuletzt nur im Vereinigungsboom 1990. "Was wir gerade erleben, ist ein in der gesamtdeutschen Geschichte einmaliges Ereignis", so Scheuerle. Vor der Einheit sei die westdeutsche Wirtschaft zuletzt nach der zweiten Ölpreiskrise 1976 bis 1979 so stark gewachsen.

Größtes Risiko für die Konjunktur sei ein falsches Management der Schuldenkrise, meinen Volkswirte. Gelinge es nicht, die Krise in den Griff zu bekommen, könne dies einen Schock auslösen wie 2008 der Kollaps der US-Bank Lehman Brothers, hatte jüngst die Europäische Zentralbank (EZB) gewarnt.

Auch von der anziehenden Inflation geht aus Sicht der Experten eine Gefahr aus. Allerdings hätten die Rohstoffpreise zuletzt wieder mit geringeren Raten zugenommen, so Scheuerle. Die Teuerung in Deutschland war im März auf 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Die EZB will dagegen halten, indem sie ihren Leitzins bis Jahresende weiter leicht anhebt.

(RP)
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