Kommentar zu Fußball-Diskussion: Tradition kontra Werksvereine — ein alberner Streit

Kommentar zu Fußball-Diskussion : Tradition kontra Werksvereine — ein alberner Streit

Klubs mit langer Geschichte haben keine größere Daseinsberechtigung als vermeintliche Retortenvereine.

Früher gab es in den Medien das Sommerloch. Das waren die dürren Wochen, in denen das politische und gesellschaftliche Leben weitgehend zum Erliegen kam. In diesen nachrichtenarmen Zeiten tauchten regelmäßig Geschichten über Nessie, das Ungeheuer von Loch Ness, auf oder über Welse, die Dackel fraßen. Die Nessie und der Wels der Bundesliga heißen Hans-Joachim Watzke und Heribert Bruchhagen.

Die Chefs von Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt tauchen immer dann auf, wenn Langeweile in der Liga droht. Dann finden sie mit ihren Aussagen über das angeblich segensreiche Wirken sogenannter Traditionsvereine (manchmal auch Renommiervereine genannt) und die Plage von Werksvereinen(auch gern als Retortenklubs bezeichnet) Gehör. In dieser Woche war es wieder soweit.

Bruchhagen: Traditionsvereine bis in 2. Liga zurückgeschoben

Watzke fürchtet den Kollaps der "Roadshow im Ausland", wenn zu viele Klubs mit vergleichsweise wenig Fans in der Liga sind, verkennt dabei aber, dass Bayer Leverkusen laut Deutscher Fußball-Liga international die fünftgrößte Anziehungskraft aller deutschen Klubs hat. Und Bruchhagen meint, dass Traditionsvereine wie 1. FC Köln oder 1. FC Kaiserslautern durch die Retortenklubs Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim um drei Plätze zurückgeschoben seien — bis in die Zweite Liga.

Ob der 1. FC Köln wegen der bösen Werksklubs oder wegen der zwei Jahrzehnte Missmanagement auf sportlicher und wirtschaftlicher Ebene zweitklassig ist, braucht nicht ernsthaft diskutiert zu werden. Und die Lauterer darf man nach einer Vielzahl von Nothilfen wohl als Werksklub der Stadt Kaiserslautern und des Landes Rheinland-Pfalz bezeichnen. Fortuna Düsseldorf, auch gern als Traditionsklub besungen, steht jetzt wieder auf gesunden Füßen. Aber nur deshalb, weil der Verein über viele Jahre von städtischen Tochterunternehmen unterstützt wurde und damit so etwas wie der Werksverein der Landeshauptstadt war.

Und sind nicht alle Bundesligisten Werksvereine ihrer Bundesländer, weil die öffentliche Hand die sündhaft teuren Polizeieinsätze bezahlt? Der Streit um Traditionsvereine und Werksklubs ist zur Folklore geworden. Für ein paar Tage taugt er immer als Stammtischthema. Gern dann, wenn die Meisterschaft schon entschieden ist — zugunsten des Werksklubs von Audi und Adidas.

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(RP/spol/csi)
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