Labour-Schlappe bei erster Direktwahl: Livingstone Londons Bürgermeister

Labour-Schlappe bei erster Direktwahl: Livingstone Londons Bürgermeister

London (dpa). Die Labour-Partei des britischen Premierministers Tony Blair hat bei der Bürgermeisterwahl in London die schwerste Niederlage seit dem Regierungswechsel vor drei Jahren erlitten. Erster direkt gewählter Bürgermeister der Hauptstadt wurde der linke Blair-Gegner Ken Livingstone, der als unabhängiger Kandidat angetreten und daraufhin aus der Labour-Partei ausgeschlossen worden war.

Der Labour-Kandidat Frank Dobson landete nach offiziellen Angaben der Wahlaufsicht abgeschlagen noch hinter dem konservativen Kandidaten Steve Norris auf Platz drei. Bei den ebenfalls am Donnerstag abgehaltenen Kommunalwahlen in 152 englischen Gemeinden erzielte Labour das schlechteste Ergebnis seit acht Jahren. Die Konservativen gewannen 600 Sitze dazu.

Der "Rote Ken", der seinen Wahlkampf mit nur zwei festen Mitarbeitern bestritten hatte, zeigte sich nach seinem Sieg kompromissbereit. "Ich will, dass Tony Blair wiedergewählt wird", sagte er. Deshalb wünsche er sich eine geeinte und keine gespaltene Labour-Partei.

Blair: "Albtraum für London"

Blair, der Livingstone als "Albtraum für London" bezeichnet hatte, teilte mit, er wolle seine Lehren aus der Niederlage ziehen. Der 54- jährige Livingstone hatte dem Londoner Stadtrat schon einmal bis zu dessen Abschaffung durch Premierministerin Margaret Thatcher 1986 vorgestanden.

Die konservative Opposition wertete das Ergebnis als Misstrauensvotum gegen die Regierung Blair. Die Siegesstimmung bei den Konservativen wurde allerdings dadurch getrübt, dass sie eine Nachwahl für einen Abgeordnetensitz im Parlament überraschend verloren. Umfragen zeigen außerdem, dass die Labour-Regierung bei einer Parlamentswahl noch immer mit einer soliden Mehrheit rechnen könnte. Die Beteiligung an der Londoner Bürgermeisterwahl lag außerdem bei nur 33,6 Prozent.

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Britische Medien: Denkzettel für Blair

Die britischen Medien werteten Livingstones Erfolg als Denkzettel für Blair. "Dies ist das größte Protestvotum, das es bisher gegen New Labour gegeben hat", schrieb die "Sun". "Der Premierminister sollte jetzt innehalten und über die Arroganz seiner Partei nachdenken." Die Schlagzeile im "Daily Express" hieß: "Eine blutige Nase für Blair."

Regierungsfreundliche Zeitungen wie der "Guardian" und der "Independent" unterstützen dagegen den neuen Bürgermeister. Nach ihrer Überzeugung muss Blair lernen, dass er nicht immer nur seine engsten Vertrauten auf wichtige Posten hieven kann. In Wales war Blair auch schon mit seinem Wunschkandidaten gescheitert.

Die Auseinandersetzung zwischen Livingstone und Blair gilt als "Stellvertreterkrieg" zwischen dem linken und dem rechten Flügel der Labour-Partei. Livingstone verkörpert die alte, sozialistische Arbeiterpartei, Blair die New Labour-Partei der Mitte und des Dritten Weges. So wollte der Labour-Kandidat Frank Dobson die U-Bahn privatisieren, während Livingstone dies entschieden ablehnt. Als sein wichtigstes Ziel bezeichnet Livingstone die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs in der Sieben Millionen-Metropole, die bisher nur von Stadtteil-Räten regiert worden war.

Die Bürgermeisterwahl in London war die erste dieser Art in Großbritannien. Livingstone konnte bei den Erststimmen zunächst nicht die erforderliche Mehrheit von 50 Prozent holen. Nach dem komplizierten Wahlrecht für die Direktwahl des Bürgermeisters wurden danach jedoch die Zweitstimmen für die beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen dazugerechnet. Dabei setzte sich Livingstone mit 776 427 gegen 564 137 Stimmen klar gegen Norris durch.

(RPO Archiv)
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