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Islamischer Staat: Mossul vor der Befreiung

Mossul : Mossul vor der Befreiung

Mehr als vier Monate nach Beginn der Großoffensive soll der Islamische Staat nun endgültig aus seiner Hochburg vertrieben werden. Das Leben der Zivilisten habe Priorität bei der Mission, beteuert der Irak.

Ein eisiger Wind fegte den Tigris entlang, als das Flugzeug mit James Mattis gestern früh in Bagdad landete. Der neue amerikanische Verteidigungsminister war gekommen, um einige Bedenken der Iraker auszuräumen und Schadensbegrenzung für seinen Chef Donald Trump zu betreiben. Dieser hatte im Wahlkampf und nach seinem Amtsantritt mehrfach gesagt, die USA hätten während der achtjährigen Besetzung des Irak die Einnahmen aus dem irakischen Erdöl nutzen sollen, um ihre Militärausgaben zu finanzieren. Amerika habe immer für das Öl bezahlt, beschwichtigte Mattis, und werde dies auch weiterhin tun. Ob er damit die Wogen zwischen Bagdad und Washington glätten konnte, bleibt abzuwarten.

Der Besuch des Pentagon-Chefs in Bagdad erfolgte einen Tag nachdem eine neue, dritte Phase der Militäroperation zur Rückeroberung der ehemals zweitgrößten Stadt des Iraks, Mossul, im Norden des Landes, begonnen hatte. Nachdem in den vergangenen vier Monaten Gebiete rings um die Stadt und der Osten Mossuls befreit worden waren, begann am Sonntagmorgen nun der Angriff auf den Westteil der Stadt. Die USA sind ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS). Doch wie lange noch, fragt man sich in Bagdad.

Eine von Washington angeführte internationale Koalition fliegt Luftangriffe gegen die Terrormiliz. Die US-Armee bildet zudem irakische Soldaten aus. Gestern erreichten irakische Einheiten nach eigenen Angaben den strategisch wichtigen Flughafen der Stadt, der im Südwesten liegt. Die Islamisten seien zudem von einer nahe gelegenen Anhöhe vertrieben worden. Der Westen der Stadt ist noch nahezu vollständig in der Hand des IS. An den Einsätzen am Wochenende waren auch einige Soldaten der internationalen Anti-IS-Koalition beteiligt, die rund 9000 Soldaten zählt, davon die Hälfte aus den USA. Die IS-Terroristen hatten 2014 weite Teile des Irak erobert. Im Juni 2014, kurz nach der Eroberung von Mossul, hatte IS-Anführer Abu Bakr al Bagdadi dort in einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte das "Kalifat" in Teilen des Iraks und Syriens ausgerufen.

Der Fluss Tigris trennt Mossul in einen östlichen und einen westlichen Teil. Der Osten konnte von den Regierungstruppen und der internationalen Allianz vor knapp einem Monat zurückerobert werden. Das irakische Fernsehen zeigt Fußballspiele der Kinder in Mossul, Menschen, die in ihre Häuser zurückkehren. Eigentlich wollte Iraks Premier Haider al Abadi nach drei Monaten mit der Operation in Mossul fertig sein. Vorsichtigere Prognosen sprachen von sechs Monaten. Beide bewahrheiteten sich nicht. Der Kampf um die Stadt im Nordirak ist langwieriger und blutiger als gedacht. Ein Ende der IS-Herrschaft und des selbst proklamierten Kalifats ist noch nicht in Sicht, entscheidet sich aber in Mossul.

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Die neue Offensive verstärkt die Sorgen um die Zivilbevölkerung in West-Mossul, deren prekäre Lebensbedingungen sich durch die bevorstehenden Kämpfe oder eine Belagerung nochmals verschlechtern dürften. Die Vereinten Nationen (UN) rechnen mit einer Massenflucht. "Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit, um südlich von Mossul Notunterkünfte für vertriebene Familien zu errichten", erklärt die UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe im Irak, Lise Grande.

Die UN schätzen, dass bis zu 750.000 Zivilisten im Westteil der Stadt eingeschlossen sind, die Kinderschutzorganisation "Save The Children" spricht von etwa 350.000 Kindern. Für die meisten Familien sei eine Flucht zu gefährlich, sagt der Irak-Beauftragte der Organisation, Maurizio Crivallero. Es gebe Scharfschützen und Landminen, und falls die Flüchtenden entdeckt würden, drohe ihnen die Hinrichtung durch IS-Kämpfer. Deshalb rief die Armee die Einwohner auf, in ihren Häusern zu bleiben. Entsprechende Flugblätter wurden über der Stadt abgeworfen. UN-Koordinatorin Grande bezeichnet den Angriff als "größte städtische Militäroperation seit dem Zweiten Weltkrieg".

Doch es ist nicht der Zweite Weltkrieg, der wie ein Horrorszenario über Mossul hängt, sondern das syrische Aleppo. Obwohl dort nicht der IS die Kontrolle über die ebenfalls zweitgrößte Stadt hatte, ist die Situation der Zivilbevölkerung doch vergleichbar mit Mossul. Auch Aleppo war zweigeteilt, die Menschen waren eingekesselt, ohne Nahrung, Wasser und Strom. Russische Flächenbombardements nahmen keine Rücksicht auf Zivilisten. "Das große Abschlachten" wurde die Schlacht um Aleppo genannt. Das will man im Irak unter allen Umständen vermeiden.

(RP)