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Altkanzler sorgt sich um den Euro: Helmut Schmidt stellt Merkel schlechtes Zeugnis aus

Altkanzler sorgt sich um den Euro : Helmut Schmidt stellt Merkel schlechtes Zeugnis aus

Berlin (RPO). Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) kritisiert das Verhalten von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble in der Euro-Krise. Beide haben seiner Ansicht nach eine schlechte Figur abgegeben. Generell vermisst der SPD-Politiker in Europa Führungspersönlichkeiten mit der nötigen Weitsicht.

Schmidt kann mit Fug und recht als Vater des Euros gelten. Gemeinsam mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d'Estaing begründete er in der 70er Jahren das europäische Währungssystem. Ausdrücklich spricht er sich daher auch in einem Interview mit dem Handelsblatt für den Euro aus.

Bis jetzt habe die Idee einer gemeinsamen Währung seine volle Unterstützung. Hätte Deutschland den Euro nicht eingeführt, hätte es sich nach Ansicht Schmidts ebenfalls leicht im Visier von Finanzmarkt-Spekulationen wiederfinden können. In diesem Fall "hätte es in den vergangenen 20 Jahren mindestens ein- oder zweimal eine Spekulation gegen die D-Mark gegeben", sagte Schmidt. "Und deren Größenordnung hätte das alles überstiegen, was wir mit Griechenland oder Irland erlebt haben."

Geharnischt fällt jedoch seine Kritik am Umgang der europäischen Staaten mit der Euro-Krise aus. Die europäischen Führungen hätten es nicht verstanden, die richtigen Regeln zu setzen. "Generell würde ich sagen: Europa fehlen Führungspersönlichkeiten — Personen in hohen Ämtern der Nationalstaaten mit genügendem Überblick über nationale wie internationale Fragen und ausreichender Urteilskraft", so Schmidt.

Damit spricht der Alt-Kanzler auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble an. Lediglich Jean-Claude Juncker, Premierminister von Luxemburg, findet in seinen Augen Gnade. Dessen Land sei jedoch zu klein, um eine substanzielle Rolle zu spielen.

Anders fällt Schmidts Urteil über Merkel und Schäuble aus. Der Bundeskanzlerin agiere attestiert er, sie verhalte sich in der Krise "nicht sehr geschickt". Schäuble lässt er aussehen wie einen Provinzpolitiker, wenn er sagt, Haushalts- und Steuerprobleme verstehe er gut. "Doch die internationalen Geld- und Kapitalmärkte, das Bankensystem oder die Aufsicht über die Banken und Schattenbanken sind neu für ihn."

Schärfer noch kritisiert er das Verhalten der Deutschen Bundesbank. Im tiefsten Herzen seien die Bundesbanker Reaktionäre, urteilt Schmidt. Sie seien gegen die europäische Integration. Der ehemalige Präsidenten Hans Tietmeyer und seine Nachfolger neigen nach Schmidts Ansicht dazu, zu sehr nach nationalen Interessen zu agieren. Geradezu vernichtend sein Fazit: die strategische Notwendigkeit der europäischen Integration hätten die Bundesbanker nicht verstanden.

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Zugleich übt der frühere Bundeskanzler Kritik an der Währungspolitik der europäischen Staaten. Notwendig seien "striktere Regeln für das wirtschaftliche Verhalten" der Euro-Staaten. "Der sogenannte Stabilitäts- und Wachstumspakt hat keinen Gesetzescharakter, sondern ist lediglich eine Vereinbarung zwischen Regierungen", kritisierte Schmidt. Zudem hätten diese "den großen Fehler begangen", zu viele Staaten in die Währungsunion aufzunehmen.

Derzeit streiten die Euro-Staaten über die richtige Strategie zur Rettung überschuldeter Länder: Während andere noch viel mehr Geld in die Hand nehmen wollen, ist die Bundeskanzlerin bislang dagegen. Bei einem Treffen in Brüssel vereinbarten die Finanzminister der Länder, den Rettungsschirm vorerst nicht zu erweitern. Die Finanzhilfe für Irland wurde formell auf den Weg gebracht.

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(AFP/pst)