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Bundespräsident Wulff in Warschau: "Eine Geste, die uns noch heute fesselt"

Bundespräsident Wulff in Warschau : "Eine Geste, die uns noch heute fesselt"

Warschau (RPO). Bundespräsident Christian Wulff hat am Denkmal für das Warschauer Ghetto des legendären Kniefalls von Altkanzler Willy Brandt vor 40 Jahren gedacht. Gemeinsam mit seinem polnischen Amtskollegen legte Wulff einen Kranz nieder. Wulffs würdigte die herausragende Rolle Brandts in der Versöhnung beider Völker. Dabei war Brandts religiös anmutende Geste lange heftig umstritten – vor allem in Deutschland.

Warschau (RPO). Bundespräsident Christian Wulff hat am Denkmal für das Warschauer Ghetto des legendären Kniefalls von Altkanzler Willy Brandt vor 40 Jahren gedacht. Gemeinsam mit seinem polnischen Amtskollegen legte Wulff einen Kranz nieder. Wulffs würdigte die herausragende Rolle Brandts in der Versöhnung beider Völker. Dabei war Brandts religiös anmutende Geste lange heftig umstritten — vor allem in Deutschland.

Es ist ein Bild, das einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis von Deutschen und Polen hat. Rückblick: Der 7. Dezember 1970 ist ein nasskalter Tag in Warschau. Bundeskanzler Willy Brandt legt in einem Plattenbauviertel vor dem Mahnmal des jüdischen Ghettos einen Kranz nieder. Brandt ordnet die Schleifen des Gebindes, tritt zurück - und sinkt vor dem steinernen Denkmal auf die Knie.

Eine halbe Minute auf nassem Boden

Eine halbe Minute verharrt er mit gefalteten Händen auf dem nassen Boden. Der Kniefall von Warschau, der sich am Dienstag zum 40. Mal jährt, gilt heute als zentrales Symbol für das Streben nach Versöhnung von Deutschen, Polen und Juden. Die Szene gab den Startschuss für Brandts Politik der Annäherung.

Wandel durch Annäherung lautete das Leitmotiv der sozialliberalen Regierung in Bonn. Wenige Monate zuvor hatte Deutschland in den Moskauer Verträgen seine Ostgrenze anerkannt und jegliche Ansprüche auf die alten "Ostgebiete" aufgegeben. 1971 erhielt Brandt für seine Verdienste den Friedensnobelpreis.

"Geste, die um Versöhnung bat"

Auf den Tag genau 40 Jahre später kehrte Bundespräsident Wulff an diesen Ort zurück. Am Denkmal für die Opfer des Ghetto-Aufstands von 1943 legte er gemeinsam mit seinem polnischen Kollegen Bronislaw Komorowski einen Kranz nieder. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel nahm an der Zeremonie teil. Unmittelbar zuvor hatten Wulff und Komorowski am Denkmal für den Warschauer Aufstand von 1944 gegen die deutsche Besatzung einen Kranz niedergelegt.

Wulff lobte die Rolle des 1992 verstorbenen Altkanzlers der SPD. Brandts Kniefall würdigte Wulff als "Geste, die uns in ihrer Demut noch heute fesselt. Eine Geste, die um Versöhnung bat". Das Bild des Bundeskanzlers auf Knien habe ihn als Elfjährigen "tief beeindruckt", sagte der Bundespräsident.

  • Fotos : Wulff würdigt Brandts Kniefall
  • Fotos : Willy Brandt und die Affäre Guillaume
  • 1970 : Besuch im KZ und Kniefall Willy Brandts

"Brandt an die Wand"

Brandts Geste vor 40 Jahren war in Deutschland höchst umstritten. Kurz nach dem Staatsbesuch bezeichneten in einer "Spiegel"-Umfrage 48 Prozent der Befragten Brandts Verhalten als überzogen. Die CDU/CSU-Opposition und die Vertriebenenverbände liefen gegen die Grenzanerkennung Sturm. Der mächtige CSU-Politiker Franz-Josef Strauß warf Brandt im Bundestag den "Ausverkauf der Heimat" vor; radikale Sprüche wie "Brandt an die Wand" machten die Runde.

Er habe seinerzeit aber auch viele getroffen, die Brandt dankbar gewesen seien, erzählt indes der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP). Besonderes Gewicht habe die Geste dadurch bekommen, dass mit dem SPD-Politiker ein Mann stellvertretend für die Deutschen niederkniete, der selbst im Widerstand gegen die Nazis gewesen sei.

"Eine Eingebung des Augenblicks"

Später schrieb Brandt in seinen Memoiren: "Am Abgrund der deutschen Geschichte und der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt." Brandts Schritt wird heute auch von Konservativen als Meilenstein in der deutschen und europäischen Geschichte gewürdigt.

Ob Brandt den Kniefall plante, ist nicht völlig geklärt. "Es war die Eingebung eines Augenblicks", sagte der damalige Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Egon Bahr, der in Warschau dabei war. Beim abendlichen Whisky habe der Kanzler gesagt, er habe plötzlich das Gefühl gehabt, "einen Kranz niederzulegen reicht nicht aus".

40 Jahre später leben Deutsche und Polen gemeinsam in einem friedlichen Europa.

(AFP/csi)