75 Jahre Befreiung von Auschwitz: Einen Schlussstrich kann es nicht geben

75 Jahre Befreiung von Auschwitz : Einen Schlussstrich kann es nicht geben

Heute vor 75 Jahren befreiten russische Soldaten das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Das Gedenken an diesen Tag und die Verbrechen der Nazis ist ein wichtiger Teil unserer Demokratie heute.

Auschwitz wird bleiben als Ort der schlimmsten Verbrechen der Nazis, als Symbol für die historische Schuld Deutschlands, als Kristallisationspunkt des Gedenkens an diese dunkle Zeit. Das Gedenken wird sich verändern. In einigen Jahren werden keine Zeitzeugen mehr am Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz kommen und von ihrem Schicksal erzählen können. Dann muss die Erinnerung an die Erinnerung wach gehalten werden - mit Videobotschaften, durch die Gedenkstätten, in den Schulen, durch Eltern an ihre Kinder. Und ja, zum Gedenken gehört auch das ritualisierte Gedenken. Ein Tag wie der 27. Januar, der seit 1996 eben nicht nur der Tag der Befreiung von Auschwitz ist, sondern auch als offizieller Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus dient, muss mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit begangen werden.

Einen Schlussstrich unter das Erinnern kann es nicht geben, hat der Bundespräsident in der vergangenen Woche in Yad Vashem gemahnt. Das ist eine zentrale Botschaft, in einer Zeit, in der sich in der Gesellschaft wieder Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit ausbreiten und in der manch einer meint, es sei mal gut mit der Betonung der deutschen Schuld. Die heute Lebenden tragen keine persönliche Schuld. Aber sie tragen eine enorm große Verantwortung dafür, dass ein Wiederaufflammen von Hass und Hetze gegen Juden und Einwanderer im Keim erstickt werden. Dazu gehört auch, gegen den Antisemitismus von in Deutschland lebenden Muslimen vorzugehen.

Das Gedenken alleine reicht eben nicht aus. Es bedarf auch einer hohen Wachsamkeit, was sich im Hier und Jetzt abspielt. Wenn wie im vergangenen Jahr ein Kommunalpolitiker, der sich für Flüchtlinge eingesetzt hat, von einem Rechtsradikalen erschossen wird, wenn ein Antisemit am höchsten jüdischen Feiertag versucht, eine Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen, dann erinnert erschreckend viel an die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Zum Glück gibt es auch genug Unterschiede zur Phase vor 100 Jahren. Unsere Demokratie ist erprobt und erlernt, wirtschaftlich geht es Deutschland gut und die Nation hat die Erfahrung der NS-Zeit. Somit ist das Gedenken ein wichtiger Beitrag, Frieden, Freiheit und Humanität zu erhalten.

Dass es rund um den 27. Januar auch immer wieder Debatten gibt, ob und wie das Gedenken sinnvoll ausgerichtet wird, gehört dazu. Wir benötigen die Gedenktage und die Institutionen, die das Erinnern aufrecht erhalten. Ebenso benötigen wir Kritik daran, damit die notwendigen Rituale nicht ihre Sinnhaftigkeit verlieren. Gedenken braucht eben auch immer wieder Selbstvergewisserung.