Letzte Zeugen der Vernichtung

Vor 75 Jahren wurde Auschwitz befreit : Letzte Zeugen der Vernichtung

Vor 75 Jahren befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz, in dem die Deutschen mehr als eine Million Menschen ermordeten. Drei Überlebende des Holocaust erzählen von der Vertreibung aus Nordrhein-Westfalen, dem Grauen im KZ – und warum sie heute trotzdem noch an das Gute im Menschen glauben.

„Mein Vater sagte zu mir, wir müssen immer darüber reden“

Eva Weyl (84). Foto: Markus van Offern (mvo)

Eva Weyl blickt auf ihre Hand. „Dieser Ring, den ich trage”, sagt sie, „hat eine besondere Geschichte.” Es ist ihre Überlebensgeschichte. Sie beginnt im Januar 1942 in den Niederlanden. Eva wird mit ihren Eltern in das Durchgangslager Westerbork gebracht. In Evas Mantel hat ihre Mutter als Knopf-

ersatz Brillanten eingenäht – die Wertanlage der kleinen Familie. 1955 hat die Mutter aus den Brillanten einen Ring anfertigen lassen. Jenen Ring, den Eva Weyl nun an ihrer Hand trägt. Erst an ihrem 60. Geburtstag erfuhr sie von der Geschichte dahinter.

Eva Weyl wurde 1935 als Kind jüdischer Eltern im niederländischen Arnheim geboren. Die Eltern stammen aus Kleve, flohen aber 1933. Das Durchgangslager Westerbork, in das die Weyls gebracht wurden, war kein normales Konzentrationslager. Ursprünglich war es ein Lager für geflüchtete Juden. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande, bauten die Nazis einen Zaun darum. Dem Lagerkommandanten Albert Gemmeker gelang es, den Gefangenen eine riesige Täuschung vorzuspielen. Um Ruhe und Ordnung zu sichern, folgte er klaren Prinzipien. Die Häftlinge hatten stets genug zu essen, die Erwachsenen hatten Arbeit, die Kinder konnten eine Schule besuchen. Es gab ein Theater mit kulturellen Veranstaltungen, es gab einen Spielplatz für die Kinder, zudem das beste Krankenhaus in der Umgebung. Es herrschte wenig Überwachung, dafür viel Selbstverwaltung. Nie wurde ein Gefangener im Lager ermordet, auch diejenigen, die versuchten zu fliehen, wurden zurückgebracht, dann aber in den nächsten Deportationszug in den Osten gesetzt. Einmal in der Woche, immer dienstags, fuhren die Züge. Nach Theresienstadt, nach Bergen-Belsen oder direkt in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor.

Viele Häftlinge in Westerbork hielten die Grausamkeiten nur für Schauermärchen. Einige ahnten wohl etwas, aber niemand von ihnen konnte den Erzählungen Glauben schenken. Vor allem die Kinder bekamen davon kaum etwas mit. Von 1942 bis 1945 lebten etwa 107.000 Gefangene in Westerbork. Ein Großteil von ihnen kam in anderen Lagern ums Leben. Die Familie Weyl überlebte. Eva und ihre Eltern hatten Glück – gleich mehrfach. „Eigentlich ist es ein Wunder”, sagt Weyl. Denn dreimal stand die Familie kurz davor, deportiert zu werden. Dreimal entkamen die Weyls diesem Schicksal – teils in letzter Minute. Am 12. April 1945 wurde das Lager von kanadischen Soldaten befreit.

Und so gehörten die Weyls zu den 5000 Juden, die Westerbork überlebten.

2008 hatte Eva Weyl den Wunsch nach etwas, in das sie ihre Energie stecken kann. So sprach sie wenig später das erste Mal vor einer Schulklasse über ihre Geschichte. „Mein Vater sagte zu mir, wir müssen immer darüber reden“, sagt Weyl. Das macht sie seit zehn Jahren. Angetrieben wird sie auch von dem Engagement der deutschen Gesellschaft. Sie lobt nicht nur den Einsatz vieler Schulen, die verschiedene Projekte realisieren, sondern auch die Förderung der Gedenkstätten durch die Bundesregierung. „Ich finde das fantastisch”, sagt Weyl.

Vor knapp fünf Jahren machte sie in der Gedenkstätte Westerbork eine Bekanntschaft, die ihr Leben bereicherte. Der Urenkel des Lagerkommandanten Gemmeker war mit seiner Schulklasse zu Besuch. „Da bekam ich sofort eine Gänsehaut“, berichtet Weyl. So kam zunächst der Kontakt zu Gemmekers Tochter zustande. Es folgte ein erstes Telefonat, ein erstes Treffen – und es entstand eine Freundschaft. Öffentlich sprechen wollte Gemmekers Tochter nie. Dafür seine Enkelin. Anke Winter, Lehrerin aus Neukirchen-Vluyn, besucht regelmäßig mit Weyl die Schulen.

Eva Weyl wird nicht müde, vor den Schülern zu sprechen. Natürlich erzählt sie auch die Anekdote über den Ring. Denn er ist das Symbol ihrer Geschichte. Ihrer Überlebensgeschichte.

„Wenn die SS mit der Peitsche kam, sind die alten Leute hingefallen und waren tot“

Edith Bader-Devries (84). Foto: Endermann, Andreas (end)

Edith Bader-Devries war sechs Jahre alt, als ihre Kindheit endete. Es war der Tag, an dem sie mit ihren Eltern in einen Zug gestiegen ist. „Meine Mutter und mein Vater haben mir das mit Freuden erzählt, dass ich Zug fahren würde.“ Aufgeregt packte sie drei Puppen in einen Rucksack. Ihr restliches Spielzeug verschenkte sie. Im Zug fiel der Rucksack aus dem Gepäcknetz. Dabei zerbrachen die kleinen Porzellan-Köpfchen, zerbrach etwas in Edith Bader-Devries. Es war der Tag, an dem sie nach Theresienstadt deportiert wurde.

Edith Bader-Devries ist heute 84 Jahre alt, seit acht Jahren wohnt sie im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf. Geboren ist sie in Weeze am Niederrhein. „Weeze liebe ich, weil die Menschen uns auch in der Hitlerzeit noch gern hatten“, sagt sie. Neben ihren Puppen gehörten die Geschichten ihres Vaters, Max Devries, zu ihren schönsten Erinnerungen. Er war ein stolzer, patriotischer Mann, erzählte oft davon, wie er im Ersten Weltkrieg für die preußische Armee kämpfte. Und wenn Nazis durch Weeze zogen, trat er ihnen mutig gegenüber. „Mein Vater sagte immer: Wir sind durchs Rote Meer gekommen, dann kommen wir auch durch diese braune Scheiße.“

In Düsseldorf mussten die Devries’ umsteigen. Gemeinsam mit Hunderten anderen Juden wurden sie im Schlachthof der Stadt untergebracht. „Ich erinnere mich noch daran, dass es sehr dunkel war.“ Dann kam der Viehwaggon – und die Angst. „Wir sind eingepfercht worden in einen Güterzug.“ Die Menschen hätten nach Luft gerungen, erleichtert wurde sich an Ort und Stelle. Und mittendrin war Edith Bader-Devries, verängstigt, ohne ihre Puppen.

Das Erste, was sie in Theresienstadt sah, waren die Ghetto-Wachen. Mit Peitschen trieben sie die Leute ins Lager. Bader-Devries und ihre Mutter wurden vom Vater getrennt und mit 38 anderen Menschen in einem kleinen Zimmer untergebracht. Ihre Mutter hatte die Nazis angebettelt, ihr Kind dorthin mitnehmen zu dürfen.

Im Lager wurde der Tod zum Alltag. Vor allem die alten Menschen seien in Theresienstadt schnell gestorben, sagt sie. „Wenn die SS mit der Peitsche kam, sind die alten Leute hingefallen und waren tot. Man war ja so ausgehungert.“ Im Zimmer hätten alle dicht nebeneinander gelegen, die Toten in der Mitte, Betten gab es keine. Jede Nacht seien Menschen neben ihr gestorben. „Sie wurden auf einem Leichenwagen weggetragen, auf dem auch das Brot ausgeteilt wurde.“ An den Tod, sagt Bader-Devries, habe sie sich irgendwann gewöhnt.

Besonders schlimm waren die nächtlichen Aufrufe der SS. Jede Nacht um 1 Uhr seien diejenigen gerufen worden, „die wegmussten“ – in Vernichtungslager wie Auschwitz. Noch heute wird Bader-Devries jede Nacht um diese Uhrzeit wach. „Die Pfleger kommen dann immer und bringen mir Tropfen zum Weiterschlafen.“

Lange hat sie nicht über ihre Erlebnisse in Theresienstadt sprechen können. Ihr schlimmstes Erlebnis konnte sie selbst ihrer Mutter nie anvertrauen. „Ich wurde missbraucht.“ Es war ein SS-Mann, der ihr Schwarzbrot und Milch anbot. Vor Hunger ging Edith Bader-Devries darauf ein, der Mann lockte sie in ein Wäldchen. Als sie bemerkte, was er tat, sprang sie auf. „Ich habe die Milch verschüttet und das Brot fallen lassen und bin weggerannt.“ Sie habe den SS-Mann noch rufen hören: „Wenn du was sagst, dann bist du bald tot!‘“.

Heute so offen über alles zu sprechen, sieht Bader-Devries als ihre Aufgabe. „Mein Vater hat immer gesagt: ,Kind, so etwas geschieht nie wieder‘. Und das habe ich auch gedacht“, sagt sie. Gerne hätte sie die Gelegenheit, vor jungen Neonazis zu sprechen. „Weil sie eigentlich – wie sagt man – sie wissen nicht was sie tun“, sagt sie. „Ich will ihnen sagen: ,Ich liebe alle‘. Ich glaube, sie sähen die Welt dann anders.“

Heute weiß die 84-Jährige, dass alles zusammenhängt. Die zweieinhalb Jahre im KZ haben ihr Leben geprägt. Nur deshalb, so glaubt sie heute, sei sie Kindergärtnerin geworden. „Ich habe ja nicht spielen können.“ Den Kindern legte und legt sie ans Herz, wie wichtig Respekt und Nächstenliebe sind.

Die Freude an Puppen hat Edith Bader-Devries bis heute behalten. In ihrem Zimmer in Düsseldorf bewahrt sie zwei auf – ein Geschenk ihres Enkels. Sie nimmt sie stolz in den Arm. „Die liebe ich“, sagt sie und lächelt. Die Situation erinnert an ihre Erzählungen von der Zugfahrt nach Theresienstadt. An den Tag, an dem ihre Puppen zerbrachen. Und ihre Kindheit.

„Ich habe noch alles im Kopf, ich weiß jedes Detail – das ist schlecht“

Rolf Abrahamsohn (94). Foto: Bretz, Andreas (abr)

Der Wandteppich hat kräftige Farben. Leuchtendes Blau kontrastiert mit strahlendem Weiß, und in der Ferne blitzt die goldene Kuppel des Felsendoms in Jerusalem. Rolf Abrahamsohn hat ihn selbst geknüpft in seinen schlaflosen Nächten. Viele dieser Teppiche gibt es hier. Sehr viele.

Der 94-Jährige lebt allein in seiner Wohnung in Marl. Es ist sein Elternhaus, in den 1920ern gebaut. Hier hat er eine Zeitlang eine glückliche Kindheit verlebt, mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 endete sie jäh. Nachbarn waren es, sagt er, die in jener Nacht das Textilgeschäft der Eltern im Erdgeschoss in Brand setzten: „Den Vater haben sie mit einem Krawattenständer halbtot geschlagen und liegen lassen.“ Zusammen mit seiner Mutter habe er ihn aus dem brennenden Laden gezogen. 13 Jahre alt war er damals.

Im Wohnzimmer steht noch ein Foto aus dem Jahr 1938, aufgenommen kurz vor der Pogromnacht. Es zeigt eine Frau mit dunklem Haar und tiefen Ringen unter den Augen – Abrahamsohns Mutter.

Nach der Brandnacht nehmen die Nazis die Familie in Haft, „sogar meinen fünfjährigen Bruder“, erinnert sich Abrahamsohn. Sie muss in ein sogenanntes Judenhaus in Recklinghausen ziehen und wird kurz darauf getrennt: Vater und älterer Bruder sterben später im KZ Auschwitz. Rolf kommt mit seiner Mutter nach Riga, wo sie im Ghetto hausen. Von den 1200 Juden aus dem Ruhrgebiet, die dorthin deportiert wurden, haben Abrahamsohn zufolge nur sieben überlebt.

Seine Mutter muss in Riga mit bloßen Hände Batterien auseinandernehmen. Sie verätzt sich dabei die Hände und ist damit nicht mehr arbeitsfähig. Wenig später wird sie abtransportiert. „Ich wollte mit meiner Mutter gehen“, sagt Abrahamsohn. Ein Freund habe ihn davon abgehalten, ihm gesagt, er müsse doch seinen Vater und den Bruder suchen. Die Mutter wird kurz darauf ermordet.

Abrahamsohns Blick fällt auf das schwarze Klavier mit den schmiedeeisernen Kerzenhaltern im Esszimmer. Die Mutter habe gern darauf gespielt. Es sei der einzige Gegenstand aus seiner Kindheit, der ihm geblieben sei. Ob er selbst auch Klavier gespielt habe? „Das konnte ich nicht mehr, weil ich dann immer an meine Eltern denken musste“, sagt er und seine Stimme wird brüchig.

Er will trotzdem weitersprechen, „ich habe noch alles im Kopf, ich weiß jedes Detail – das ist schlecht“, sagt er. Er wird ins KZ Kaiserwald bei Riga verlegt, dann ins KZ Stutthof bei Danzig, ins KZ Buchenwald bei Weimar und zurück ins Ruhrgebiet, nach Bochum ins KZ-Außenkommando Brüllstraße. Dort muss er Granatenhülsen drehen und später nach dem Luftangriff am 4. November 1944 mit einer Schippe Blindgänger freilegen und entschärfen. Abrahamsohn überlegt nicht, wenn er spricht – so präsent sind die Erinnerungen. Nur gelegentlich macht er eine Pause. Dann sagt er: „Ich kriege ein hohes Honorar für meine Berichte“, lächelt schelmisch und fügt hinzu: „Zwei Flaschen Mineralwasser.“ Der Humor habe ihm geholfen, im KZ zu überleben. Und die Aussicht, eines Tages Vater und Bruder wiederzusehen. Erst später erfährt er, dass sie in Auschwitz vergast wurden.

Von Bochum soll der damals 19-Jährige ins KZ Dachau verlegt werden. Bei Fliegerangriffen wird die Lok beschädigt, die Waggon-Türen öffnen sich. Freunde rufen ihn zu sich. Dahin, wo die offenen Waggons stehen. Später erfährt er, dass in dem Zugteil, in dem er sich zunächst aufgehalten hat, alle Insassen verhungert sind. Die offenen Anhänger fahren ins KZ Theresienstadt. Dort wird Abrahamsohn im Mai 1945 von den Sowjets befreit: „Sie haben uns Brote gegeben.“ Er wiegt noch knapp 70 Pfund.

Nach dem Krieg tastet er sich langsam ins Leben zurück. In Berlin lernt er die Tochter eines jüdischen Arztes kennen und heiratet sie. Weil die Schwiegermutter Deutschland trotz allem nicht verlassen will, zieht er zurück in sein Elternhaus und baut das elterliche Geschäft zu einem Textilunternehmen mit eigener Produktion aus. In Marl gründet er auch die jüdische Gemeinde wieder neu. Er bekommt das Bundes- und jüngst auch das Landesverdienstkreuz verliehen. Für seine von den Nazis ermordete Familie lässt er in Israel einen Wald pflanzen.

Obwohl es ihn quält, hat Abrahamsohn sich dafür entschieden, über die Vergangenheit zu reden. Lange Zeit konnte er es nicht. Ein befreundeter Rabbiner habe ihn ermuntert, in Schulen zu gehen: „Wenn du von 50 Kindern nur einem vermitteln kannst, dass Juden nicht schlechter sind als andere Menschen, dann hat es sich gelohnt.“

In jüngster Zeit macht das Sprechen ihm jedoch mehr Mühe. Es gehe ihm nicht so gut, sagt er beim Abschied. Oft sei ihm schwindlig und schlafen könne er kaum noch: „Es ist nicht gut, allein zu sein, dann kommen die Bilder alle wieder.“