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Malaysia Airlines: "Der Umgang mit den Toten von MH17 ist widerlich"

Bergung der Opfer von Flug MH17 : "Der Umgang mit den Toten ist widerlich"

Am Absturzort in der Ukraine herrscht Chaos. Bewaffnete Männer hindern unabhängige Experten daran, die Unglücksstelle zu untersuchen. Empörung löste der Umgang mit den geborgenen Opfern aus. Ein Großteil der Leichen wurde in einen Kühlzug verladen. Die USA gehen davon aus, dass die Maschine mit einem Raketensystem aus Russland abgeschossen wurde.

Die US-Regierung wies Russland am Sonntag eine Mitverantwortung am Absturz des malaysischen Verkehrsflugzeugs mit 298 Insassen in der Ostukraine zu. Es sei "ziemlich klar", dass das gegen Flug MH17 eingesetzte Abschusssystem "von Russland in die Hände der Separatisten gelangte", sagte US-Außenminister John Kerry.

"Wir haben Bilder vom Raketenabschuss, wir wissen über die Flugbahn Bescheid", sagte Kerry dem Sender NBC. Ferner gebe es Aufnahmen von "prahlenden" Separatisten nach dem "Abschuss". Das Verhalten der prorussischen Rebellen am Absturzort der Boeing nannte Kerry "grotesk". Sie behinderten die Arbeit der Ermittler. "Betrunkene Separatisten" würden "ohne jede Zeremonie" Leichen aufeinanderstapeln und "Spuren verwischen".

Kein freier Zugang

Trotz wiederholter Aufforderungen aus dem Ausland gewährten die Rebellen auch am Sonntag internationalen Experten keinen freien Zugang zum Absturzort und zu den Leichen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) erklärte, die prorussische Rebellen hätten sie darüber unterrichtet, dass 169 Leichen in einen Kühlzug gebracht worden seien. Die Markierungsstöcke an den Stellen, wo die Leichen gefunden worden waren, waren nach den Beobachtungen eines Reporters der Nachrichtenagentur AFP verschwunden.

Großbritannien, Frankreich und Deutschland verlangten gemeinsam einen freien Zugang zur Absturzstelle. Der russische Präsident Wladimir Putin müsse sich bei den Separatisten dafür einsetzen, dass unabhängigen Experten der Zugang gewährt werde, verlangten der britische Premierminister David Cameron, der französische Präsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und warnten: Falls Russland die "erforderlichen Maßnahmen" nicht "sofort" treffe, werde der Rat der Außenminister der Europäischen Union am Dienstag "Konsequenzen" ziehen.

Minister schockiert

Angesichts der Behinderungen der Untersuchung erhöhten auch die Niederlande den Druck auf Russland. Der russische Präsident Wladimir Putin müsse bei den prorussischen Rebellen eingreifen, forderte Ministerpräsident Mark Rutte am Samstagabend in Den Haag. "Er muss nun den Niederlanden und der Welt beweisen, dass er tut, was von ihm erwartet wird: Seinen Einfluss ausüben." Er hatte zuvor nach eigenen Worten ein "sehr intensives" Telefongespräch mit Putin geführt.

Zutiefst schockiert zeigte sich auch Außenminister Frans Timmermans über Bilder und Berichte von der Bergung der Opfer. "Der Umgang mit den Toten ist widerlich", sagte der Minister. Er war in der Nacht zum Sonntag aus Kiew zurückgekehrt. Priorität habe nun dieRückführung der 193 niederländischen Opfer. "Die Familien wollen ihre Angehörigen begraben." Timmermans hatte ein Team von 15 niederländischen Experten begleitet. Sie sollten die Opfer identifizieren.

Flugschreiber in Hand der Rebellen?

Die US-Geheimdienste hätten vor gut einer Woche Hinweise darauf erhalten, dass die Boden-Luft-Raketen den prorussischen Rebellen zur Verfügung gestellt worden seien, berichtete die "Washington Post". Der ukrainische Geheimdienstchef Witali Najda habe berichtet, dass eine Batterie des Systems Buk mit einer fehlenden Rakete am Freitag früh die Grenze nach Russland überquert habe.

Die prorussischen Aufständischen fanden nach eigenen Angaben am Absturzort "Flugzeugteile, die Black Boxes ähneln". Die gefundenen Teile könnten sie nicht selbst untersuchen, weil sie dafür keine Spezialisten hätten, sagte Rebellenführer Alexander Borodaj in Donezk. Ukrainischen Ermittlern brächten die Rebellen "kein Vertrauen" entgegen, das Material könne jedoch "internationalen" Ermittlern übergeben werden.

Auch Dobrindt schickt Experten

Borodaj rechtfertigte, dass die meisten Leichen in einen Kühlzug verfrachtet wurden. Das sei aus "Respekt" für die Hinterbliebenen erforderlich gewesen, weil es in dem Absturzgebiet wilde Tiere gebe und weil die Leichen bei großer Hitze schnell verwesten. Der ukrainische Vize-Regierungschef Wolodimir Groisman sagte, die Regierung in Kiew könne in dem Absturzgebiet "die Sicherheit nicht garantieren".

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) entsandte Experten in die Ukraine, die die Untersuchungen zum Absturz von MH17 von deutscher Seite begleiten sollen. Nach Angaben des Ministeriums brachen der Direktor der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung, Ulf Kramer, und ein weiterer Mitarbeiter der Behörde in Richtung der Absturzstelle auf.

(DEU dpa)