Aachen : Im nullten Semester anfangen

In Aachen kann man das Ingenieurstudium erst einmal ausprobieren - samt Klausuren.

Ein Semester lang studieren, Vorlesungen besuchen und sogar Klausuren mitschreiben - und das alles in einer Art abgesichertem Modus: Das ermöglicht das Programm "Guter Studienstart" der Fachhochschule Aachen und der RWTH. Um die hohe Zahl der Studienabbrecher in den Ingenieurfächern zu senken, hat man dort ein Orientierungssemester geschaffen, in dem Interessierte vor dem eigentlichen Studienstart nicht nur beide Aachener Hochschulen, sondern auch Inhalte der Fächer Maschinenbau, Luft- und Raumfahrttechnik, Elektrotechnik und Bauingenieurwesen kennenlernen. Die Fragen "Hochschule oder Universität?" und "Welcher Ingenieurstudiengang passt zu mir?" können die Teilnehmer des Programms anschließend besser beantworten - oder sich auch gegen ein solches Studium entscheiden.

"Das Studienstart-Programm liegt immer im Sommersemester und ist damit quasi das nullte Semester vor dem eigentlichen Studienbeginn im Herbst", sagt Jonas Gallenkämper, Projektmanager von "Guter Studienstart" an der RWTH Aachen. "Man ist eingeschriebener Student und besucht reguläre Erstsemester-Veranstaltungen der beiden Hochschulen. Dabei kann man sich aussuchen, was man belegen möchte: Also bereits einen Schwerpunkt setzen oder überall reinschnuppern", sagt er.

Pflicht für alle Studenten im nullten Semester sind jedoch die Mathe-Veranstaltungen. "Man muss klar sagen, dass die Mathematik die große Hürde ist, der Stolperstein in allen Ingenieurfächern. Die Schule bereitet nicht auf Hochschul-Mathematik vor", erklärt Gallenkämper. Deshalb gibt es im Orientierungssemester sechs Vorlesungs- und Übungsveranstaltungen, in denen zunächst das Mittelstufenwissen aufgefrischt und die Studenten dann über den Oberstufenstoff zur Höheren Mathematik geführt werden. "Außerdem gibt es wöchentliche Mentoring-Treffen, bei denen Kontakte geknüpft und Fragen beantwortet werden."

Wie Ingenieure praktisch arbeiten, erfahren die Studenten auch: In einem interdisziplinären Projektkurs arbeiten Teams aus Studierenden an einer ingenieurwissenschaftlichen Entwickleraufgabe. Sie werden dabei in die Methodik des ingenieurwissenschaftlichen Arbeitens eingeführt. Das Projekt wird fachlich und methodisch durch studentische Coaches begleitet. Auch Professoren und Industriepartner können konsultiert werden. Die Studierenden müssen selbstständig eine komplexe Aufgabenstellung strukturieren und die Projektbearbeitung organisieren. Der Projektabschluss umfasst eine Präsentation vor einer Jury.

Für Gallenkämper hat das Studienstart-Programm viele Vorteile für die Studenten: Sie können sich in Ruhe orientieren, erhalten realistische Einblicke in viele Studiengänge und zudem in zwei verschiedene Hochschultypen. "Man hat keinen Druck, sitzt aber dennoch mit den Studierenden der ersten Semester in den gleichen Veranstaltungen - und schreibt auch die Klausuren mit", sagt er. Diese werden für ein späteres Ingenieurstudium angerechnet. Bei schlechten Noten zählen sie aber nicht als Fehlversuch. Die Hochschulen profitierten, da sie die Abbrecherzahlen reduzieren.

Mitmachen können pro Semester 200 Studenten. Bewerben kann man sich noch bis mindestens Januar unter www.guterstudienstart.de. Für alle Abiturienten aus 2016 startet das Orientierungssemester am 27. März; alle, die aktuell noch für das Abi 2017 lernen, können ab dem 15. Mai beginnen.

(RP)
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