Karin Wilcke: Bachelor auf Wanderschaft

Karin Wilcke : Bachelor auf Wanderschaft

Wanderjahre oder Walz heißt seit jeher die Zeit der Wanderschaft für junge Handwerker nach ihrer Lehre. Mit abgeschlossener Ausbildung dürfen sie sich Gesellen nennen, englisch oder auch neudeutsch: Bachelor.

Seit dem Mittelalter war die Walz eine der Voraussetzungen zur Meisterprüfung. Die Gesellen sollten fremde Länder und die dortigen Arbeitstechniken kennenlernen und auf diese Weise sowohl Berufs- wie auch Lebenserfahrung sammeln.

Lange her? Nein, top-aktuell. Die Walz heißt heute Auslandsaufenthalt und dient immer noch dem gleichen Zweck, der Erweiterung des Horizonts und der Qualifizierung für die Meisterprüfung, den Master-Abschluss, und damit für die Kreise der beruflich Erfolgreichen. Auch der Zeitpunkt nach der Gesellenprüfung oder dem Bachelor-Abschluss ist optimal. So nett ein Auslandsjahr nach dem Abi sein mag, richtig qualifizierte Jobs bekommt man nicht. Mit dem Bachelor ist das anders, man wird in der Berufswelt ernst genommen.

Ganz gleich, ob das Berufsziel Forscher, Chefarzt, Regisseur oder Architekt ist, der Arbeitgeber erwartet Eigenschaften und Fähigkeiten wie Kreativität, Durchsetzungsvermögen, Flexibilität, Sicherheit im Umgang mit anderen Kulturen und Mentalitäten, Zielstrebigkeit und nicht zuletzt Mehrsprachigkeit. In einer Zeit, in der die meisten Studierenden eine heimatnahe Uni auswählen, weltweite Beziehungen für viele später aber Berufsalltag sind, ist ein qualifizierter Auslandsaufenthalt ein aussagefähiger Baustein einer erfolgreiche Bewerbung.

Einen gewaltigen Unterschied zu damals gibt es glücklicherweise: Die Walz war Männern vorbehalten, doch heute bilden in einigen Studiengängen die Frauen sogar die Mehrheit. Also, ihr angehenden Forscherinnen, Chefärztinnen, Regisseurinnen oder Architektinnen, packt eure Sachen und macht ein Auslandspraktikum, denn dann habt ihr nach der Rückkehr von eigenen Abenteuern zu berichten und macht selbst den "Master".

(RP)
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