Inzestfall von Amstetten: Das Monster Mensch

Inzestfall von Amstetten : Das Monster Mensch

Düsseldorf (RPO). Viele Medien sprechen vom Jahrhundert-Verbrechen: 24 Jahre lang sperrte Josef F. seine Tochter in ein Kellerverlies ein. In dieser Zeit vergewaltigte er die junge Frau unzählige Male und zeugte sieben Kinder mit ihr.

Vermutlich war Rosemarie die perfekte Frau für Josef F. Damals, vor 51 Jahren, heiratete das Paar. Sie war 17, er 21 Jahre alt. Sie hatte die Schule gerade beendet, keine Ausbildung abgeschlossen und vorerst auch nicht vor, eine Lehre zu beginnen. So war ihre Liebe vielleicht das einzige, woran sich die junge Frau klammerte.

Josef F. hingegen war ein Mensch von anderem Schlag: Er galt als intelligent, seine Ausbildung als Elektroingenieur hatte er kurz vor der Heirat abgeschlossen. Ihm stand eine erfolgreiche berufliche Zukunft bevor. Kein Wunder war es da, dass er den dominanten Part in der Ehe einnahm.

Wäre es anders gewesen, vermutlich hätte Josef F. seiner Frau Rosemarie nicht 24 Jahre lang verbieten können, in den Keller zu gehen — also dorthin, von wo man durch eine Geheimtür in jenes Verlies gelangt, hinter dessen isolierten Wänden sich das abspielte, was "Der Spiegel" als "Jahrhundert-Verbrechen" bezeichnete.

Der Beginn eines Martyriums

Die Planung dieses Verbrechens liegt rund 30 Jahre zurück: Unter seinem Haus im niederösterreichischen Amstetten hatte F. zu dieser Zeit einen Ausbau beantragt, der 1978 genehmigt wurde. Im Zuge der Baumaßnahmen erweiterte F. heimlich den Keller, so dass an die unterirdischen Räume ein Verlies anschloss — nur zugänglich über eine gesicherte, gut getarnte Stahltür.

1984 beginnt dort das Martyrium: F. sperrt seine damals 18-jährige Tochter in das Kellerverlies, wo er sie die nächsten Jahre gefangen hält. In dieser Zeit vergewaltigt er die junge Frau wiederholt und zeugt mit ihr mehrere Kinder. Den zuständigen Behörden erzählt F., seine Tochter sei ausgerissen und habe sich einer Sekte angeschlossen. Ein Brief, den Elisabeth unter Zwang schreibt, soll seine Geschichte beweisen.

Diesen und ähnliche Briefe legt F. nach dem scheinbaren Verschwinden seiner Tochter der Polizei vor. Die mit blauer Tinte beschriebenen Papiere bilden die Stützpfeiler des gigantischen Lügenkonstrukts, das er im Laufe von 24 Jahren auf- und ausbaut, um sein Verbrechen zu vertuschen.

Der Horror lauert hinter der Fassade

Fortan lebt F. in einer Doppelwelt: Nach außen zeigt er eine bürgerliche Fassade, die er um sich, seine Frau und sein Heim mauert. Hinter dieser Fassade wütet die andere, düstere Wirklichkeit, die 24 Jahre im Verborgenen bleibt. Sie kommt erst 2008 ans Licht.

Es ist der 19. April dieses Jahres: F. liefert eine junge Frau ins Krankenhaus ein. Sie ist 19 Jahre alt und offensichtlich krank. Doch die Ärzte können keine genaue Diagnose stellen. Epilepsie? Diese Möglichkeit ziehen die Mediziner in Betracht. Vielleicht eine Erbkrankheit? Oder doch etwas völlig anderes? Die Diagnoseversuche verlaufen sich in Spekulationen. Um genauere Erkenntnisse über die Erkrankung zu gewinnen, brauchen sie Informationen von der Mutter, sagen die Mediziner.

Aber wer ist die Mutter der jungen Frau? F. bleibt keine Antwort schuldig: Seine Tochter sei die Mutter — jene, die vor 24 Jahren spurlos verschwunden ist.

Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß: Das Mädchen, das da ins Krankenhaus eingeliefert wurde, ist nicht nur F.s Enkelin, sondern zugleich seine Tochter. Sie ist das älteste der Kinder, die F. zeugt, als er seine im Keller gefangene Tochter vergewaltigt. Ein anderes der Kinder stirbt kurz nach der Geburt. Drei weitere leben vorübergehend bei F. und seiner Frau im Haus. Ihre Tochter habe die Kinder vor ihrer Haustür ausgesetzt, teilt F. den Behörden mit, und wieder belegt scheinbar ein Brief diese Geschichte. Die übrigen drei Kinder bleiben im Verlies; sie sehen bis zu ihrer Befreiung kein einziges Mal die Sonne.

Lüge kommt ans Licht

Als ihre Tochter krank wird, bittet sie ihren Vater und Peiniger darum, sie ins Krankenhaus zu bringen. Und F. gibt dem Flehen nach. Es folgt der Punkt, an dem sich erste Risse im Konstrukt aus Lügen zeigen: Die Presse berichtet über die Einlieferung ins Krankenhaus, die bürokratischen Mühlen setzen sich in Bewegung, die Suche nach der vermissten Tochter beginnt erneut, und F. gerät zunehmend unter Druck.

Daraufhin startet er einen letzten Versuch, sein Lügenkonstrukt zu stabilisieren und meldet sich im Krankenhaus. Inwieweit er seine Erklärung abgestimmt hat, ist nach wie vor nicht bekannt. Sicher ist derweil, was auf der Polizeiwache passiert, wohin die Beamten Fritzl und seine Tochter bringen.

Vater und Tochter werden getrennt verhört. Langsam wird die unfassbare Wahrheit bekannt — aber erst nachdem die Beamten der Frau zusichern, sie werde ihren Vater niemals wiedersehen. Gegen kurz nach 1 Uhr in der Nacht ist es soweit: Die Frau erzählt ihre traurige Geschichte.

Lösungen, keine Erklärungen

Das Verbrechen schockiert Österreich und die Welt. Viele Fragen sind bis heute ungeklärt: Hat F. allein gehandelt? Wusste seine Frau Rosemarie doch von dem Martyrium ihrer Tochter im Keller? Hatte sie nur nicht gewagt, gegen die Gräuel ihres Mannes vorzugehen? Und was wussten die Nachbarn? Schöpften sie wirklich niemals — zu keinem Zeitpunkt — Verdacht?

Noch schlimmer bohrt die Frage nach den Gründen für die Tat: Was bringt einen Mann dazu, seine eigene Tochter jahrelang im Keller einzusperren und zu misshandeln? Eine Erklärung gibt es nicht.

Der Prozess gegen F. wird wahrscheinlich keine Antworten geben. F.s Anwalt will auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren und seinen Mandanten als kranken Menschen in eine Klinik einweisen lassen. F. für geisteskrank zu erklären wäre eine Lösung. Keine Erklärung.

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