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"Tatort" Köln: "Gefangen" - Kommissar Ballauf mit altem Trauma konfrontiert

So ist der neue Kölner „Tatort“ : In Gefangenschaft

Der neue Kölner „Tatort“ spült bei Kommissar Ballauf ein überwunden geglaubtes Trauma wieder an die Oberfläche. Zwar geht es in diesem Krimi viel um die Psyche der Ermittler – gelungen ist er aber trotzdem, meint unsere Autorin.

Wenn nicht mal mehr Schwimmen Max Ballaufs Kopf ausschaltet, wenn ihm nicht einmal das mehr hilft, ist die Lage kritisch. Und die Lage ist kritisch in diesem „Tatort“-­Fall, der „Gefangen“ heißt und aus Köln kommt. Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) suchen den Mörder von Klaus Krüger, Chefarzt einer psychiatrischen Klinik, der zu Hause erschossen wurde. Ballauf aber sucht nach viel mehr als nach dem Mörder: nach persönlicher Heilung, nach Frieden, Normalität.

„Gefangen“ nimmt den Zuschauer immer wieder mit in einen alten Kölner Fall, in „Kaputt“ aus dem vergangenen Jahr. Ballauf musste im Dienst eine Kollegin erschießen, und dieses Trauma hängt ihm nach. Er kann in seiner Therapiestunde und mit seinem Kollegen nicht darüber reden, kann es nicht loslassen – und dementsprechend auch nicht weitermachen.

Die Suche nach dem Mörder führt die Kommissare in die geschlossene Abteilung der Klinik, die Krüger geleitet hat. Dort treffen sie auf die Patientin Julia (Frida-Lovisa Hamann). Beim ersten Besuch der Ermittler droht sie, sich mit einer Rasierklinge umzubringen, wenn nicht sofort Krüger kommt. Zu ihm scheint sie einen besonderen Bezug zu haben, denn kurz vor seinem Tod hatte Krüger seinem Tennispartner, Rechtsanwalt Florian Weiss (Andreas Döhler), eine SMS geschickt: „Wegen Julia. Komm vorbei, ich kann nicht mehr.“

Julia ist nach mehreren einschneidenden Erlebnissen in der Klinik gelandet: Die Eltern sind gestorben, sie wurde ungewollt schwanger. Borderlinerin sei die Frau, samt schizophrener Psychose, so lautet die Diagnose, laut Gutachten leidet sie unter Wahnvorstellungen und fühlte sich unter anderem von Krüger verfolgt. Julia aber sagt, dass sie zu Unrecht in der Psychiatrie eingesperrt wird.

Ballauf sieht schnell etwas in der Patientin, sieht auf eine Art auch sich in ihr: Beide sind gefangen – sie in der Anstalt und traumatischen Erinnerungen an den Tod ihrer Eltern, er in sich und seinen Ängsten und Flashbacks. Julia wird schnell zur Schlüsselfigur dieser Ermittlungen.

Während Ballauf mit seinen Dämonen und Schuldgefühlen kämpft, wird das Rätsel um Krügers gewaltsamen Tod immer größer. Welche Rolle spielt Pfleger Dennis Oberender (Thomas Schubert), der in der Klinik nachts heimlich schlafende Patientinnen filmt? Und was ist mit Julias Schwester Christine Weiss (Franziska Junge), die sich seit dem Tod der Eltern um Julia kümmert und auch ihren kleinen Sohn in Pflege genommen hat?

Christoph Wortberg hat das Drehbuch zu diesem Kölner „Tatort“ geschrieben, und aus seiner Sicht sind längst nicht nur Ballauf und die Insassen gefangen: „Ich glaube, wir alle sind auf die eine oder andere Art gefangen. In unserem Job, unserem Privatleben. In unseren Sehnsüchten, unseren Träumen. In der Art, wie wir die Welt begreifen.“ Sogar Freddy Schenk gehört für ihn dazu: „Er will dem Freund helfen und merkt, dass er es nicht kann.“

Man könnte an dieser Stelle mäkeln, dass es mal wieder nur um die Psyche eines Ermittlers geht, dass der Fall in den Hintergrund tritt, und all das wäre irgendwie richtig. Dennoch: So richtig böse sein kann und will man den Kölner Ermittlern nicht, wirklich genervt ist man eher selten – warum eigentlich? Vielleicht hat Autor Wortberg recht, wenn er sagt: „Ich mag an den Figuren Freddy und Max (und damit an den beiden Schauspielern Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt) ihr Herz für andere, ihre Fähigkeit zur Empathie. Sie wissen immer auch um ihre eigene Begrenztheit, ihr eigenes Gefangensein.“