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"Markus Lanz": Robert Habeck und Martin Stürmer zu Corona-Politik

Robert Habeck bei Markus Lanz : „Klüger werden ist ja nicht verboten“

Polarisiert der Umgang mit der Corona-Krise die Gesellschaft nur noch weiter? Markus Lanz’ Gäste erinnern im ZDF daran: Bei der Erforschung eines Virus geht es nicht allein um Zahlen.

Darum ging es

Wie klappt das Zusammenspiel von Virologen, Wissenschaft und Politik derzeit? Markus Lanz will in seiner Talkrunde im ZDF am Abend darüber sprechen, ob die Deutschen noch an einem Strang ziehen oder ob die Polarisierung der Gesellschaft überhand nimmt.

Der Talkverlauf

Ist es die Unklarheit über Infektions- und Reproduktionszahlen, die für Frustration und Ungeduld sorgt? Das will Markus Lanz von seinen Gästen wissen. Virologe Martin Stürmer klärt sachlich auf. Die Reproduktionszahl sei ein wichtiger Wert, aber gleichwohl abhängig von Fallzahlen. Der derzeitige Anstieg sei von drei Landkreisen, darunter Coesfeld und Bad Segeberg, getriggert worden. Er sei aber nicht repräsentativ für ganz Deutschland. „Daher werden wir künftig mit einer geglätteten Reproduktionszahl agieren, die nicht sofort auf einen Ausbruch reagiert sondern ein konstanteres Bild liefert“, erklärt er. Das sei für die Allgemeinheit verständlicher, und so könne auch vermieden werden, dass einzelne Nachrichten überbewertet würden und die Leute sich plötzlich wieder große Sorgen machten.

Wenn sich die Bewertung von Zahlen ändere, sei das natürlich auch Futter für Verschwörungstheoretiker. „Das ist in der Kommunikation nach außen suboptimal“, sagt der Wissenschaftler. „Das macht es Verschwörungstheoretikern leicht, uns vorzuwerfen, wir würden immer wieder neue Zahlen erfinden, um das Land in Schach zu halten.“ Beim Blick auf die Demonstration vom Wochenende in Berlin „bleibt einem fast die Spucke weg“, sagt er, als Lanz Aufnahmen der Demo einspielt. Das sei genau, was man vermeiden wolle: „Auf engstem Raum so viele Menschen. Abgesehen vom Inhaltlichen treibt mir da schon die räumliche Enge Schauder über den Rücken.“

Journalistin Claudia Kade, die bei der „Welt“ das Politik-Ressort leitet, hat sich die Zusammensetzung der Demonstrantengruppen angeschaut und findet: Neben solchen, die vor allem für ihre Grundrechte stritten, seien auch Rechtsextreme unterwegs und AfD-Anhänger, die „versuchten eine Anti-Merkel-Veranstaltung daraus zu machen.“ Wer selbstverantwortlich über seine Gesundheit entscheiden wolle, fordert Kade, müsse allerdings auch so verantwortlich sein und gucken wer da „links und rechts von einem mitmarschiert“.

Grünen-Chef Robert Habeck stimmt ihr zu: Die Grundrechte seien massiv eingeschränkt worden, Demonstrationsrecht und das Recht auf freie Meinungsäußerung seien zentral, sagt der Grünen-Politiker. Aber das schließe nicht ein, anderen Rechte wie den Schutz der Person, der Würde, der Pressefreiheit abzusprechen. „Wenn man merkt, dass die Grenzen zu Verschwörungstheorien und Rechtsradikalismus überschritten werden, sollte man so eine Demo verlassen.“

Wissenschaftler Stürmer erinnert daran, dass sich das neuartige Coronavirus nicht für Verharmlosung oder vereinfachte Formeln eignet. Die Erkenntnisse würden sich nun einmal weiterhin verändern. „Am 28. Januar habe ich gesagt, das Virus sitzt primär in den tieferen Atemwegen, inzwischen wissen wir, dass es oben im Rachen ist“, sagt Stürmer. „Das muss man sagen dürfen, ohne als Wendehals tituliert zu werden.“ Wenn einem dann Politiker wie Armin Laschet vorwerfen, Virologen würden ihre Meinung alle drei Tage ändern, sei das nicht sehr schön. „Wissenschaft funktioniert halt anders als Politik, wir müssen neue Erkenntnisse immer wieder umsetzen“, sagt Stürmer. „Wir lernen im Augenblick sehr viel über das Virus und die Erkrankung und müssen das verarbeiten und auch kommunizieren wenn sich Sachverhalte ändern.“

Habeck wehrt sich: Nicht nur Virologen seien lernfähig. „Politiker lernen und ändern auch mal ihre Meinung“, erklärt der Grüne. „Klüger werden ist ja nicht verboten.“ Es werde allerdings bei Politikern anders beurteilt: „Wenn ein Politiker seine Meinung ändert, ist er ein Umfaller, hat keinen Standpunkt, ist windelweich.“ Man müsse auch als Politiker mal zwei Nächte über etwas schlafen dürfen und seine Meinung ändern können. „Wir haben richtig gehandelt und haben umfassend als Gesellschaft vorsichtig agiert“, sagt der Grüne im Rückblick auf die Einschränkungen. Erstaunt habe ihn, wie sich die Politik auf einmal wieder formiere. Er hätte vor zwei Wochen nicht für möglich gehalten, dass in einer Situation, in der das Risiko einer zweiten oder dritten Welle noch nicht gebannt sei, die Länder der Kanzlerin so ins Kreuz fallen. „Wir kommen da als Gesellschaft nur einigermaßen vernünftig durch, wenn auf der Leitungsebene ein koordiniertes Vorgehen, im Idealfall auf der gleichen wissenschaftlichen Grundlage abgestimmtes Vorgehen erfolgt“, sagt Habeck.

Kade hat hingegen nicht überrascht, dass die Länder sich auseinander entwickeln. Schließlich hätten die Bundesländer ganz unterschiedliche Hotspots, auf die sie reagieren müssten. Sie hätte sich gewünscht, dass schon früher in Kanzlerrunden klar gemacht worden sei, dass da nur ein Rahmen abgesteckt wurde. Ihrer Ansicht nach war die Debatte um einen Immunitätsausweis ein größerer politischer Fehler: „Der suggerierte: So schlimm ist das Ganze gar nicht.“

Da hat sie Stürmer auf ihrer Seite. Der Wissenschaftler hatte selbst Covid-19 und erinnert daran, dass es nicht allein um Zahlen gehe. Vieles über das Virus und mögliche Folgeschäden sei zwar in kleinen Einzelstudien, aber noch nicht breit genug erforscht. Er beispielsweise habe seinen Geschmackssinn teilweise verloren. Es könne aber durchaus sein, dass das Virus im Körper noch mehr anrichten könne als bisher bekannt sei, etwa neurologisch etwas verändere oder Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System habe. Von vier Monaten Erkenntnisgewinn ausgehend zu sagen „Ist ja wurscht wenn ich’s bekomme, da kann mir nichts passieren“, halte er für extrem leichtfertig.