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ESC 2020: Wer hat gewonnen? Litauen und The Roop die "Sieger der Herzen"

TV-Nachlese zur ARD-Ersatzshow : Litauen gewinnt den kleinen ESC in einem ungleichen Wettbewerb

Die Band The Roop aus Litauen hat sich am Samstagabend bei der deutschen Ersatzveranstaltung für den abgesagten Eurovision Song Contest durchgesetzt. Die ARD-Show präsentierte sich professioneller als der Vorentscheid – doch dennoch gab es Schwächen.

The Roop sind die Sieger der Herzen beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC). Zumindest wenn es nach den deutschen Fernsehzuschauern geht. Die wählten die litauische Band mit ihrem Song „On Fire“ (Link in die ARD-Mediathek) zum Gewinner. Die coole Indie-Nummer überzeugte nicht zuletzt mit einer simpel-verrückten Tanzperformance. Ein Mittanzhit, der schon in den vergangenen Monaten europaweit für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Es gehört zu den tragischen Geschichten der diesjährigen ESC-Absage, dass The Roop ihren Song nicht auf der großen Bühne in Rotterdam darbieten durften. Die Chance auf den ersten litauischen ESC-Sieg wäre groß gewesen.

Es war ein ziemlich holpriger Weg, der überhaupt erst zu der Samstagabend-Show aus der Hamburger Elbphilharmonie geführt hatte. Nach der Corona-bedingten Absage des ESC, der ersten in der 65-jährigen Geschichte des Musikwettbewerbs, plante die ARD zunächst lediglich mit einer zentral produzierten ESC-Ersatz-Show. Wohl auch unter dem Eindruck der Raab-Konkurrenz des „Free European Song Contest“ (hier geht es zu unserer TV-Kritik zu dieser Show) entschied sich der Sender um. So wurde am Samstag nun zumindest der deutsche Sieger des Eurovision Song Contest gesucht. Moderatorin Barbara Schöneberger wurde dabei nicht müde zu betonen, dass es sich bei ihrer Sendung (und nicht der ProSieben-Alternative) um das „Original“ handele.

In einer schier endlosen Show aus ruckelnden Videoclips hatten die Zuschauer bereits eine Woche zuvor ihre zehn Lieblinge aus den insgesamt 41 ESC-Teilnehmern ausgewählt. Beim Finale präsentierte sich der Sender immerhin deutlich professioneller. Drei der zehn Starter, darunter die Sieger aus Litauen, traten sogar live in der Elbphilharmonie auf. Von den restlichen sieben Songs liefen entweder Musikvideos oder aufgezeichnete Auftritte, was zu einem ungleichen Wettbewerb führte. Die Sieger aus Litauen waren wie die Starter aus Dänemark (Ben & Tan) und Island (Dadi og Gagnamagnid) extra nach Hamburg gereist.

Bei Dadi zeigte sich, dass die Live-Performance nicht unbedingt zum eigenen Vorteil sein muss. Der präsentierte mit kleinerer Besetzung eine abgeänderte, merkwürdig langsame Version seines Lieds „Think About Things“, mit dem er bei den Buchmachern neben The Roop zu einem der Topfavoriten auf den ESC-Sieg gezählt wurde. Der angepasste Auftritt reichte bei den deutschen Fernsehzuschauern nur zu Platz vier. Da zur Hälfte auch eine Fachjury entscheiden durfte, die Dadi ganz vorne sah, wurde der Isländer am Ende Zweiter. Mit der nerdigen Original-Performance vom isländischen Vorentscheid, die sich zum viralen Hit entwickelte, hätte noch mehr herausspringen können.

Dritter wurde die russische Combo Little Big. Mit ihrem Style zwischen Bad-Taste-Disco und Irrenhaus und ihrem eingängig-schwachsinnigen Song „Uno“ wären auch sie in Rotterdam ein Kandidat für eine Top-Platzierung gewesen. In Russland sind sie dank zahlreicher absurder Musikvideos wie „Skibidi“ bereits große Internet-Stars. Ebenfalls fürs Finale qualifiziert und per Video eingespielt waren die Teilnehmer aus Malta, Schweden, der Schweiz, Italien, Bulgarien und Aserbaidschan.

Der deutsche Starter Ben Dolic durfte außer Konkurrenz seinen für den ESC geplanten Song „Violet Thing“ darbieten, mit Tänzern auf der Bühne neben und den Bildschirmen hinter sich. Sollte der Auftritt so oder so ähnlich auch für den richtigen Wettbewerb geplant gewesen sein, hätte Dolic wegen der für deutsche Verhältnisse eingängigen und modernen Nummer zwar deutlich besser abgeschnitten als die S!sters, die 2019 Vorletzte wurden. Ein Kandidat für ganz vorne wäre er allerdings, auch wegen leichter stimmlicher Schwächen, nicht gewesen.

Gegen Ende ging der Show ein wenig die Luft aus. Da halfen auch die Sprüche und Anrufmahnungen von Moderatorin Barbara Schöneberger nicht. Für eine Pausennummer während der Abstimmung reichten wohl Budget oder Kreativität beim Sender nicht mehr. Stattdessen wurden die Tagesschau und das Wort zum Sonntag zwischengeschaltet. Erst als die Sendung eigentlich schon beendet sein sollte, sang doch noch Michael Schulte, Deutschlands ESC-Starter von 2018, zwei Lieder. Darunter seinen Hit „You Let Me Walk Alone“, mit dem er damals in Lissabon den vierten Platz erreichte.

Zum Abschluss durften sich The Roop dann zumindest ein wenig wie ESC-Sieger fühlen. Die Litauer durften ein zweites Mal auftreten und erhielten eine dem Original nachempfundene kleinere Trophäe, wie beim eigentlichen Wettbewerb. Nur stand die Band dabei vor der leeren Hamburger Elbphilharmonie und nicht vor 16.000 Zuschauern in der Ahoy-Arena in Rotterdam, in der an diesem Abend das Finale stattgefunden hätte. Und, wie die European Broadcasting Union am Samstagabend bestätigte, in der auch der ESC im kommenden Jahr stattfinden soll. Dass dann The Roop dabei sind, ist fraglich. Anders als in vielen anderen Ländern, die ihre aktuellen Teilnehmer auch 2021 ins Rennen schicken wollen, soll in Litauen ein neuer Vorentscheid ausgetragen werden.

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Hier geht es zur Bilderstrecke: Bilder der ESC-Ersatzshow in der ARD