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Corona-Krise in einer fünfköpfigen Familie: Wie wir mit dem Homeschooling umgehen

Corona-Krise in einer fünfköpfigen Familie : Wie wir mit dem Homeschooling umgehen

Mit den eigenen Kindern zu lernen ist nie lustig. Seit der der bundesweiten Schließung der Schulen ist es noch viel unkomischer. Unsere Autorin, Mutter dreier Töchter, schildert den täglichen Lernwahnsinn in der Corona-Krise.

„Wir wünschen euch, dass ihr euch in den Osterferien gut erholt. Wie ihr seht, haben wir die Unterrichtsmaterialien von der Homepage genommen.“ So stand es zu Beginn der Ferien im passwortgeschützten Downloadbereich der Schule, die unsere 12-jährige Tochter besucht. Genau an der Stelle, an der bis zum Vortag Lernmaterialien aller Fächer für das Selbststudium zu Hause zu finden waren. Dabei war sie war noch gar nicht fertig mit der Bearbeitung aller Aufgaben. Der Grund: Manche davon konnte sie nur am Laptop bearbeiten. Doch mit dem arbeite ich über Tag – im Homeoffice.

Von Erholung sind wir – das sind meine drei Töchter zwischen 12 und 17 Jahren und mein Mann und ich – nach fünf Wochen Homeoffice und Homeschooling so weit entfernt wie noch nie im Leben. Die Corona-Krise geht in allen Bereichen ans Eingemachte. Auch im familiären. Und auch während der Osterferien. Neben meinem Hauptberuf als Journalistin bin ich seit dem 16. März – wie viele Eltern – zur Hilfslehrerin geworden. Damit gehöre ich noch enger als jemals zuvor zum Bündnis „Schüler – Lehrer – Eltern“.

Die Schulen hatten wenig Zeit, sich die Bereitstellung des Lernmaterials einheitliche Lösungen zu überlegen. Das bedeutet, dass uns von zwei verschiedenen Schulen und auf verschiedenen Wegen Lerninhalte zu unzähligen Fächern erreichen: als PDF oder Link per Mail (über Klassenpflegschaftsvorsitzende, einzelne Lehrer oder über meine Kinder), als Arbeitsblatt über Whatsapp, über Clouds wie Dropbox oder Onedrive. Manche liegen auch im Downloadbereich auf der Schulhomepage.

Regelmäßig durchforste ich all diese Kanäle, in der Hoffnung nichts zu übersehen. Es gehörte zum täglichen Geschäft der ersten Tage alles auszudrucken und weiterzureichen. Es wird zur Normalität der folgenden Wochen, den Überblick über „schon ausgedruckt“, „noch nicht bearbeitet“ und „neu dazugekommen“ zu verlieren. In den Osterferien waren wir mit dem Nachbereiten noch nicht geschaffter oder übersehener Inhalte beschäftigt.

Während mein Mann abends nach der Arbeit im Homeoffice Mathe erklärt und das Grundverständnis unserer Tochter zum Gebrauch modaler Hilfsverben in Englisch überprüft, kontrolliere ich, ob die Basisinhalte von Balladen, Inhaltsangaben und Charakterisierungen begriffen wurden. Das Abfragen von Vokabeln gehört zum täglichen Geschäft. Glücklicherweise sind wir berufsbedingt darin geübt, Projekte zu stemmen. Eine Kernkompetenz, die in dieser Krisensituation eine neue Seite bekommt.

Wir tun uns nicht schwer damit, bei der Konzeption und dem inhaltlichen Bestücken eines Teen-Magazins in englischer Sprache zu unterstützen. Aber wir fragen uns, ob der Bearbeitung der Kunstaufgaben nach unseren unendlich langen Tagen als Arbeitnehmer, Motivationscoachs und Nachhilfelehrern tatsächlich die Priorität zukommen muss, die die Kunstlehrerin sieht. Wir fragen uns auch, ob es noch normal ist, zwischen dampfenden Kochtöpfen und dem telefonischen Abfragen des Einkaufzettels meiner Eltern am Abend auf dem Küchentisch Experimente mit fliegenden Teebeuteln anzuleiten.

Was mich betrifft, hätte ich gerne mindestens einen Klon von mir. Zwischen Recherchearbeit, Interviews und Schreiben manage ich den Haushalt und versorge derzeit meine Eltern mit. Denn sie zählen beide zur Risikogruppe. Ich kaufe ein, koche zwischen Deutschkontrolle und dem psychischen Aufbauen der ältesten Tochter. Diese steht kurz vor dem Abitur – und alles andere als normalen Bedingungen.

Ich weiß noch genau, wie sie am 13. März nachmittags aus der Schule nach Hause kam. Ernst stand sie vor mir in der Esszimmertüre und sagte: „Ich habe nie mehr Schule.“ Wir starrten uns beide einen Moment ungläubig an. Dann fing sie an zu weinen. Surreal. Als sie an jenem Morgen das Haus verließ, war es ein normaler Schultag. Als sie das Schulgebäude verließ, war ihr allerletzter Schultag gerade zu Ende gegangen. Unbemerkt. Ohne diese diebische Freude, irgendwie etwas geschafft zu haben, die angehende Abiturienten normalerweise an einem solchen Tag verspüren. Ohne lockere letzte Gespräche mit den Lieblingslehrern. Ohne Abschiedsparty. Ohne Abistreich. Ohne alles.

Ich nahm das weinende Kind in den Arm. In diesem Moment übernahm ich intuitiv einen weitere Beschäftigung: Ich arbeite jetzt auch als psychologische Fachkraft. Das ist nötig, weil sich Verunsicherung und das Gefühl breit machen, allein gelassen zu werden. Wie soll ich mich jetzt aufs Abi vorbereiten? Wie erreiche ich meine Lehrer bei Fragen? Wann antworten sie per Mail? Warum kann ich mit meinen Freunden zoomen, aber mit keinem der Lehrer?

Glücklicherweise kann sich unsere fünfköpfige Familie über 155 Quadratmeter Wohnfläche ausdehnen. Das hat Vorteile, wenn plötzlich alle im Homeoffice arbeiten. Überall im Haus: in der Küche, im Esszimmer, im Kinderzimmer und im Büro. Schulbücher liegen auf der Treppe, auf der Küchenarbeitsplatte, Vokabelhefte auf der Couch im Wohnzimmer, Hefter eigentlich überall. Wir führen Video- und Telefonkonferenzen, arbeiten alle täglich Mails ab, chatten und empfangen Videobotschaften. Manchmal geht das Hausnetzwerk deshalb in die Knie. Videobilder frieren ein, Verbindungen werden unterbrochen, Rechner stürzen ab.

Regelmäßig lesen wir die Rundbriefe, die der Direktor des Gymnasiums wöchentlich an uns verfasst. Immer wieder denke ich an seine erste Elterninformation zurück. In dieser ließ er keine Zweifel offen: Es handele sich bei der Schulschließung nicht um verlängerte Osterferien, sondern um „ein Aussetzen des Unterrichts in gewohnter Form“. Man möge seine Kinder im Rahmen seiner „eigenen Möglichkeiten beim selbstständigen Lernen unterstützen“. Bis jetzt haben wir nicht wirklich verstanden, was das eigentlich heißen sollte.