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Coronavirus in Düsseldorf: Corona wird Erscheinungsbild der Innenstädte verändern

Immobilienmarkt in Düsseldorf : Corona wird das Erscheinungsbild unserer Innenstadt verändern

Immobilienexperte Sebastian Renke kennt den Markt für Bürohäuser in Düsseldorf. Die Homeoffice-Erfahrungen vieler Unternehmen werden einiges ändern, glaubt er. Und ist trotzdem überzeugt, dass es weiter große Nachfrage nach Büros geben wird.

Die Covid-19-Pandemie und die daraus resultierenden Restriktionen haben tiefe Spuren hinterlassen. Noch Anfang März flanierten rund 50.000 Passanten wöchentlich über die Kö, jetzt gleicht die einst pulsierende Meile eher einer Geisterstraße.

Ähnliches gilt für den Flughafen: Während der internationale Dreh- und Angelpunkt der Metropolregion Anfang 2020 mit rund 70.000 Fluggästen und bis zu 720 Maschinen pro Tag noch das erfolgreichste Verkehrsjahr der mehr als 90-jährigen Geschichte verkündete, heben aktuell täglich keine 30 Flugzeuge mehr ab.

Und wo sonst literweise Altbier aus den Zapfhähnen der identitätsstiftenden Kneipen floss, kommt seit Wochen alles zum Stehen, die Gastronomen liegen auf dem Trockenen. Doch wie stellt sich die Situation am Düsseldorfer Büromarkt dar?

Mietstundungen, Kurzarbeit und Zwangsurlaub – das Coronavirus läutet die wohl tiefste Rezession seit Generationen ein und beendet damit auch den zehn Jahre währenden Aufschwung am Düsseldorfer Immobilienmarkt abrupt. Steigende Arbeitslosenzahlen und Insolvenzen – insbesondere im Gastro- und Textilgewerbe – sind vermutlich unvermeidbar. Auf den Schreibtischen der Eigentümer stapeln sich die Mietstundungsanträge – ob nun vom Einzelhändler mit Konzernbackground, dem Kneipenwirt um die Ecke oder einem Büronutzer in Mietmisere.

Hier ist Vorsicht geboten: Denn während sich in der Öffentlichkeit solidarisch gezeigt und sich für soziales Engagement stark gemacht wird, nutzen einige Unternehmen die Situation aus und werden zum Trittbrettfahrer. Aus diesem Grund bedarf es stets einer individuellen Prüfung der wirtschaftlichen Lage – das Ergebnis: bürokratischer Aufwand en masse.

Zu Beginn des Jahres sah die Situation noch ganz anders aus: Mit einem Transaktionsvolumen von 820 Millionen Euro wurde das bisher stärkste Auftaktquartal am Investmentmarkt der Rheinmetropole verzeichnet, der Bürovermietungsmarkt überzeugte am Flächenumsatz (Summe der neu vermieteten Quadratmeter; Anm. d.Red.) gemessen mit einem Plus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Nur wenige Wochen später lässt die Nachfrage sukzessive nach.

Allerdings ist nicht alle Hoffnung verloren. Im Gegenteil. Der Branchenschwerpunkt Düsseldorfs liegt insbesondere auf dem Anwalts- und Beratungssektor – beides Berufsgruppen, die aufgrund der allgemeinen Ungewissheit tendenziell mehr Aufmerksamkeit bekommen und deshalb weniger Negativkonsequenzen verspüren. Ebenso dürften Nutzer aus der öffentlichen Hand sowie IT-Firmen den sinkenden Flächenbedarf zumindest zum Teil auffangen, da sie vergleichsweise wenig von der Pandemie betroffen sind oder sogar Zulauf erfahren.

Und auch in der Arbeitswelt ist nicht alles schlecht, was neu ist: Spätestens seit Beginn des weltweit größten Homeoffice-Experiments der Geschichte dürfte bei den meisten Arbeitnehmern das Arbeiten von Zuhause weiter oben auf der Agenda stehen. Ausbleibende Pendlerströme, der bislang kürzeste Arbeitsweg und effizientes, fokussiertes Arbeiten sprechen für sich.

Und auch ich – bisher eher skeptisch gegenüber „Remote Working“ – erkenne die Vorzüge des Modells und werde dies künftig in die Arbeitsprozesse implementieren. Die voranschreitende Digitalisierung macht’s möglich. Denn während Meetings von Konferenzräumen in virtuelle Hangouts verlegt werden und Präsentationen dank technischer Tools an Dynamik gewinnen, steigen auch die Erfahrungswerte in puncto 360-Grad-Besichtigungen. Zwar ersetzen diese keine Begehung vor Ort, allerdings helfen sie insbesondere in diesen Zeiten bei der Vorab-Sondierung von Optionen. Für die Zukunft ist denkbar, dass solche Instrumente fest in den Immobilienberateralltag implementiert werden.

Richten wir den Blick auf die Post-Pandemie-Phase, fungiert Covid-19 ganz generell als Innovationstreiber und Digitalisierungsbeschleuniger: Einzelhandelskonzepte, die nicht den gewachsenen Ansprüchen der Kunden gerecht werden, dürften schneller als bisher angenommen nicht mehr am Markt bestehen können. Das klassische innerstädtische Kaufhaus wird womöglich u. a. dynamischen Logistikdrehscheiben weichen. Künftig wird das Bild unserer Innenstädte ein anderes sein. Leerstehende Büro-, Einzelhandels- und Hotelflächen könnten temporär oder langfristig umgenutzt werden und so neue Denkanstöße schaffen.

Zudem ist davon auszugehen, dass Arbeitsplatz- und Büroflächenkonzepte überdacht werden. Ist eine 40-Stunden-Anwesenheit vor Ort noch notwendig? Braucht tatsächlich jeder Arbeitnehmer einen eigenen Schreibtisch? Verschmelzen die Grenzen zwischen Home und Office oder werden diese sogar strikter? Geht der Trend zurück zur klassischen Bürozelle oder sind Gemeinschaftsflächen als Begegnungsräume gefragter denn je?

Wie die Antwort auf diese Fragen auch lauten mag, so steht fest, dass sich jeder bewusster mit sich und seiner Arbeitswelt auseinandersetzen wird. Der Wunsch nach persönlichem Austausch, die Sehnsucht nach reellen Erlebnissen wird definitiv zunehmen. Was das konkret für den Büromarkt bedeutet, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass Unternehmen sich neu erfinden, alternative Geschäftsbereiche entdecken und so mit den Nutzern auch der Büromarkt gestärkt aus der Krise hervorgehen kann.

Sebastian Renke ist Director und Teamleader Office Agency bei Savills in Düsseldorf

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